Dass Politiker hinter verschlossenen Türen über die Zukunft der Halle entscheiden, ist nicht richtig – sagt unser Autor. Ein Plädoyer.

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Die Dachkonstruktion stellt bei der Sanierung das größte Problem dar.

Die Dachkonstruktion stellt bei der Sanierung das größte Problem dar.

Das „kleine Theater“ ist der kulturelle Mittelpunkt der Stadt.

„Ortswechsel“ war eine der vielen Ausstellungen in der Halle.

Sie war auch Schauplatz der 1. Nettetaler Schach Open.

Archiv, Bild 1 von 4

Die Dachkonstruktion stellt bei der Sanierung das größte Problem dar.

Nettetal. Die Ratsfraktionen führen seit Monaten eine erbitterte Debatte über die Zukunft der Werner-Jaeger-Halle. 40 Jahre nach seiner Eröffnung ist Nettetals Kulturtempel so abgenutzt, dass es um seine pure Existenz geht. Entsprechend hitzig sind die Diskussionen. Selbst das Wort „Sanierung“ erscheint einzelnen Fraktionen suspekt. Sie stellen kühl das Fortbestehen des Gebäudes in Frage.

Es ist bezeichnend für den Stil und die zunehmende Abgehobenheit der Politik in der Stadt, dass sich auch in diesem Falle die Akteure hinter verschlossene Türen zurückziehen. Ein Arbeitskreis diskutiert völlig intransparent, was unbedingt in die Öffentlichkeit gehört. Nicht die Politik, sondern die Bürger von Nettetal müssen die Debatte um ihr Haus führen.

Kalte Finanzbürokraten dürfen nicht die Entscheidung treffen

Dieser Beitrag ist bewusst parteiisch und ein Plädoyer für die Werner-Jaeger-Halle. Er richtet sich gegen gegen den kalten Finanzbürokratismus, der (nicht nur) die Werner-Jaeger-Halle in ihren traurigen Zustand gebracht hat. Man darf nicht ausgerechnet jenen allein die Beratungen überlassen, die durch Untätigkeit, Aufschieberei und blankes Desinteresse seit Jahren die Pflege des Gebäudes verhindern und es haben verrotten lassen.

Der Umgang mit städtischem Vermögen – das ist nicht nur die Immobilie, sondern das, was an Idealen in ihr steckt, welche Geschichte sie birgt – darf nicht dem Mangel an Empathie und dem Pseudopragmatismus der Hilflosen ausgeliefert werden.

„Die Stadt leistet sich an dieser Stelle ein chaotisches Sammelsurium.“

Ortsfremde fahren häufiger, um Orientierung ringend, an der Werner-Jaeger-Halle vorbei. Sie steht nicht an der hundert Meter weiter endenden Werner-Jaeger-Straße, sondern „An den Sportplätzen“. Darauf muss erst einer kommen. Der Fremde hat sie übersehen in ihrer Ecke. Das Gebäude steht an einer für Nettetaler Verhältnisse typischen Straße. Siedlungshäuser mit Vorgärten, eine Schule, ein Parkplatz und gegenüber ein großer Bau, der sich als Turnhalle entpuppt. Gefasst ist hier gar nichts, nichts hat eine geradlinige Bestimmung.

Gestalterisch leistet sich die Stadt an dieser Stelle Lobberichs ein chaotisches, rein zweckbestimmtes Sammelsurium. Das Gymnasium ist oft erweitert worden. Die jüngst errichtete Mensa ist quadratisch, praktisch, gut. Viel Glas und Stahl, man guckt rein und raus. In ihr könnte jemand aber auch Schlipse, Damenoberbekleidung, Telefonverträge oder Schnaps verkaufen. Umbauter Raum mit viel Gestaltungsfreiheit drinnen. Denn heute weiß man an Schulen nie, was später einmal sein wird.

Die Werner-Jaeger-Halle ist anders, ein Gebäude, das sich nicht fassen lässt. Ob die Architektur schön ist, muss jeder für sich entscheiden. Sie ist ein Puzzle aus aufrecht gestellten Wänden, nicht immer im rechten Winkel, gehalten von einem Betonring mit Ornamenten. Darauf ruht ein Dach. Aber was für eines. „An einem aufgeräumten Schreibtisch entstehen unordentliche Gedanken“ hat der Designer Luigi Colani einst behauptet. Unter diesem Dach kann keine Ordnung sein. Das ist gut so. Es ist verschachtelt und versetzt und hat rein gar nichts mit niederrheinischer Dachlandschaft zu tun, in der die Gaube das Höchstmaß an Kreativität ist.

Architektur ist keine Ramschware zum Verbrauch

Die Werner-Jaeger-Halle war zur Eröffnung 1974 für eine niederrheinische Kleinstadt auch architektonisch eine revolutionäre Tat. Erträumt hatten die Gründungsväter sich ein neues Stadtzentrum in Onnert. Heraus kam, als einziges Produkt, das kleine Kulturzentrum. Um Fördergeld zu erhalten, verfiel man auf ein janusköpfiges Gebilde: Theater für alle und Aula für Schüler, benannt nach dem Altphilologen Werner Jaeger, dessen Name so oft falsch geschrieben wird.

Rudolf Kilders entwarf den Bau mit der Formensprache und dem Material der 1970er-Jahre. Allein das macht mehr Charakter als jeder gesichtslose Bau, den die Stadt danach errichten ließ. Die Werner-Jaeger-Halle ist das erste und einzige Gebäude der Stadt Nettetal, das in Formgebung und Inhalt Bedeutung hat. Daran ändert auch nichts die viel später errichtete Stadtbücherei, die an eine historische Fassade angehängt wurde. Dass heute einige Politiker in verbaler Rabulistik die Werner-Jaeger-Halle abreißen ließen, wenn man ihnen einen billigeren Ersatzbau präsentierte, deckt die kreative Armseligkeit auf, mit der seit Jahren in dieser Stadt Politik gemacht wird.

„Wer den Bau dem angeblichen Diktat leerer Kassen opfert, nimmt der Stadt ihr Gesicht.“

Ökologisten schwätzen unentwegt von Nachhaltigkeit, aber sie preisen den umgestülpten Schuhkarton, mit dem die Burggemeindeväter Brüggens einen Anschlag auf ihr Ortsbild verübt haben. Wie viel Sondermüll da für den Fall eines Abrisses bleibt, möchte man gar nicht wissen. In dem Bau könnte auch ein Online-Händler sein Logistikzentrum unterhalten. Andere versteigen sich in klassenkämpferischem Jargon dazu, diesen Missgriff als eine „Halle für alle und nicht nur für Eliten“ zu bezeichnen. Wie viel komplexbeladene Begegnung mit der bescheidenen Kultur Nettetals in diesem Satz steckt, kann nur ein Psychologe ermessen.

Architektur ist keine Ramschware zum Verbrauch. Die Idee, anstelle von Hertie einen Multifunktionalbau zu errichten, in dem sogar gewohnt werden soll, kann nicht ernst genommen werden – es sei denn, diejenigen, die den Vorschlag favorisieren, schnüren ihr Bündel und ziehen dort ein. Wohl bekomm’s!

Die Diskussion um die Werner-Jaeger-Halle ist geprägt von Kleinmut und Geschichtslosigkeit. Wer den Bau dem angeblichen Diktat leerer Kassen opfert, nimmt der Stadt ihr Gesicht. Mit was – außer der Natur, die aber kein Werk dieser Stadt ist – kann Nettetal für sich werben? Sie greift immer auch auf dieses Gebäude zurück. Außer Kirchen und Rittersitzen gibt es architektonisch wirklich nichts Vorzeigbares. An zeitgenössischen, städtischen Gebäuden hat sie nichts, auf das sie stolz sein darf.

Gebt die Halle nicht verloren.

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