Im Jugendzentrum Arche stellten sich junge Menschen Fragen nach ihrem Wissen über Asylbewerber in Nettetal.

Im Jugendzentrum Arche stellten sich junge Menschen Fragen nach ihrem Wissen über Asylbewerber in Nettetal.
Flüchtlinge warten im bayerischen Passau auf ihre Weiterreise. WZ-Archiv

Flüchtlinge warten im bayerischen Passau auf ihre Weiterreise. WZ-Archiv

Weigel/dpa

Flüchtlinge warten im bayerischen Passau auf ihre Weiterreise. WZ-Archiv

Nettetal. Younice stutzt einen Augenblick, dann beginnt er zu überlegen und schüttelt schließlich den Kopf. „Nein“, sagt er nachdenklich. „Darüber haben wir zu Hause noch nicht gesprochen. Das hat noch nie eine Rolle gespielt.“ Younice hat marokkanische Wurzeln, ist aber in Deutschland geboren und in Nettetal aufgewachsen. Zusammen mit knapp einem Dutzend anderer Jugendlicher sitzt er in einem Raum des Jugendzentrums Arche und lässt sich ausfragen über das Verhältnis junger Nettetaler zu den Flüchtlingen in der Stadt.

„Ich finde, es sind inzwischen einfach zu viele.“
Mädchen in der Gesprächsrunde

Die Frage, die den selbstbewussten Jugendlichen einen Augenblick aus dem Konzept brachte, wäre naheliegend in diesen Tagen. Aber in den Sinn gekommen ist sie ihm von selbst nicht. „Deine Familie stammt aus Marokko. Wie war das eigentlich damals, als dein Vater nach Deutschland kam und er sich auf eine ganz andere Welt einstellen musste?“ Nicht nur Younice ist damit überfragt. Sevket, deren Familie ursprünglich in der Türkei lebte, wäre nie auf die Idee gekommen, ihren Eltern diese Frage zu stellen. Sie ist, wie Younice, in diese Gesellschaft hineingeboren worden und hier aufgewachsen. Sie gehört hier dazu, und die Flüchtlinge empfindet sie zunehmend als Belastung.

Lautstark beschwert sie sich gleich zu Beginn der Runde und anhaltend darüber, dass „so viele jetzt hier herumlaufen und einen so angucken. Na ja, sie gucken eben, das ist lästig.“ Ja, fügt sie hinzu, sie sei froh, endlich einmal dazu ihre Meinung sagen zu können. Sie ist sicher, dass „die“ vor allem „nur das Eine“ wollen. Einer sei ihr sogar einmal bis zur Haustür nachgelaufen und habe frech gefragt, ob sie allein sei. Zwei, drei Mädchen nicken. Das hätten sie so oder ähnlich auch erlebt. Andere schütteln die Köpfe und widersprechen. Nicht mit Nachdruck, aber sie halten die Darstellung für übertrieben.

Es habe sich etwas geändert in den vergangenen Wochen, meinen die jungen Frauen, die sich belästigt fühlen. Anfangs waren sie neugierig auf die Neuankömmlinge. Es gab ein paar zaghafte Kontakte, wie sie eben bei zufälligen Begegnungen entstehen. Die Flüchtlinge seien durchweg zurückhaltend gewesen. Aber jetzt – jetzt sei das anders. Unverschämtheiten nähmen sich manche heraus, im Ingenhovenpark fühlen sich Sevket oder Anna Lena nicht mehr ganz so sicher.

Younice und Robbie widersprechen ihr. „Euch gucken doch alle hinterher, und das gefällt euch doch, wenn ihr ehrlich seid“, sagt Younice. Jetzt so zu tun, als ginge von Flüchtlingen generell eine Gefahr aus, sei unfair, fügt Robbie hinzu. Er erweckt in seiner ruhigen Art den Eindruck, man solle zwar aufpassen, aber nicht mit Reaktionen übers Ziel hinausschießen. Für ihn sind die Neuankömmlinge bisher kein Problem.

Die Jugendlichen wissen nur wenig über die Flüchtlinge. Klar, deren Herkunft aus Syrien, Irak, Afghanistan und ein paar afrikanischen Ländern sowie aus Albanien – davon wissen sie. Aber die Hintergründe der Flucht sind für alle eher vage. Krieg und wirtschaftliche Not, so viel wissen sie, sind die Treibsätze für die lange Flucht. Vorgestellt hat sich niemand in der Runde, wie es ist, quer durch die gesamte Türkei, übers Mittelmeer oder die Balkanroute bis nach Deutschland zu gehen. Darüber haben sie mit keinem der fremden Menschen gesprochen. Kontakte haben sie kaum. Hier und da mal in der Schule, aber nicht nach dem Unterricht. Die Jugendlichen beginnen zu erzählen, was „man sich so erzählt“. Die Stadt schenke Flüchtlingen Handys, nicht eins, sondern gleich drei. Überhaupt bekämen die alles geschenkt, wofür andere arbeiten müssten. Ob sie solche Geschichten glauben, sagen sie nicht. In der Schule ist zwar das Thema Flüchtlinge angesprochen worden. Aber damit hatte es sich. Hat jemand mal mit ihnen über die Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge gesprochen? Darüber, dass nicht wenige seit Monaten schon zum Nichtstun verurteilt sind, keine Intimsphäre außer einem Feldbett haben und keine Perspektive sehen? Solche Fragen verpuffen in der Runde. Der Wille, sich weiter damit zu befassen, endet für die meisten an dieser Stelle.

Das gilt auch für die Frage, wie Flüchtlinge integriert werden könnten oder ob sich die Jugendlichen vorstellen könnten, in einer Flüchtlings-Initiative mitzuwirken. „Ich finde, es sind inzwischen einfach zu viele“, sagt eines der Mädchen.

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