Nur durch einen Docht wird aus dem Wachsstumpen ein lebendiges Licht. Europaweit führend ist eine Firma vom Niederrhein.

Flamme
„Dr. Kerze“ Michael Matthäi steht mit einer Dochtrolle in Nettetal zwischen Dochtflechtmaschinen.

„Dr. Kerze“ Michael Matthäi steht mit einer Dochtrolle in Nettetal zwischen Dochtflechtmaschinen.

dpa

„Dr. Kerze“ Michael Matthäi steht mit einer Dochtrolle in Nettetal zwischen Dochtflechtmaschinen.

Nettetal. Für einen Mann wie Michael Matthäi kann es kein treffenderes Kompliment geben. In Branchenkreisen nennt man ihn „Dr. Kerze“. Seit 30 Jahren widmet der Chemiker sein Berufsleben der Kerze und speziell dem Docht inmitten der Wachsmasse. Der wird in Nettetal (Kreis Viersen) wie ein Zopf geflochten.

Ein Docht muss sich biegen, darf nicht brechen. Hat eine Flamme zu tragen, die nicht flackern und nicht rußen soll. Aus all dem hat „Dr. Kerze“ eine Wissenschaft gemacht. Im Herzen Matthäis, der Geschäftsführer der Westdeutschen Dochtfabrik GmbH & Co. KG ist, lodert die Leidenschaft für lebendiges Licht. In der Fabrik entsteht Jahr für Jahr so viel Kerzendocht, dass man ihn mehr als 15 Mal um den Globus wickeln könnte. Damit ist das Familienunternehmen, das rund 60 Menschen beschäftigt, nach eigenen Angaben Marktführer in Europa. Wenn in diesen Tagen in Europa die Kerzen leuchten, glüht oft ein Docht vom Niederrhein darin.

Die Dochte werden auf Biegen und Brechen geprüft

Nüchtern betrachtet ist das System Kerze ein komplexes chemisches Zusammenspiel. Der englische Naturforscher Michael Faraday verglich im 19. Jahrhundert das Abbrennen einer Kerze mit einem Mikrokosmos: „Alle im Weltall geltenden Gesetze treten in der chemischen Geschichte einer Kerze zutage oder kommen dabei in Betracht.“

Diese Theorie beschäftigt täglich das Laborteam von „Dr. Kerze“ in Nettetal. Die Mitarbeiter prüfen Dochte im Wortsinn auf Biegen und Brechen. Tüfteln, wie eine Kerze noch idealer brennen kann. Dazu gibt es Rußmessungen und Abbrandtests.

Der Docht wird geflochten, damit er sich in den Flammenrand biegt. Nur dort, in der Hochtemperaturzone, verglüht er. Die Zwischenräume im Geflecht erzeugen eine Kapillarwirkung, durch die das flüssige Wachs hochgesogen wird. Es verdampft, zersetzt sich in seine Bestandteile Kohlenstoff und Wasserstoff und verbrennt.

Kerzen begleiten den Menschen seit mehr als 2000 Jahren. Arme Leute benutzten früher Talg und Fettabfälle aus der Seifensiedung für Kerzen. Die qualmten, tropften und stanken.

Wohlhabende verwendeten fein duftendes Bienenwachs, das im Mittelalter zeitweise teurer war als Gold.

Dochte wurden zunächst als gedrehte Garnbündel durch Wachs gezogen. Sie kürzten sich aber nicht selbst und bildeten an der Spitze dicke schwarze Ablagerungen aus Kohlenstoff, die man Butzen nannte.

1825 fanden Forscher heraus, dass der Docht geflochten werden muss, damit er sich in den heißen Rand der Kerzenflamme krümmt und selbst verzehrt, schreiben Michael Matthäi und Norbert Petereit in ihrer Abhandlung „Die Qualitätskerze“.

Und dann gibt es da noch ein Geheimnis, das nur „Dr. Kerze“ und sein Betriebsleiter kennen: Die Mixtur einer chemischen Substanz, in der Dochte baden müssen. Der Cocktail enthält einen Flammenschutz und bewirkt unter anderem, dass der Docht beim Ausblasen der Kerze nicht verglüht. „Die Zusammensetzung ist so geheim wie das Coca-Cola-Rezept“, freut sich Matthäi.

Zum Zentrum der Dochtproduktion wurde der Niederrhein durch die findigen Unternehmer Kürschner und Mannens. Kürschner baute zunächst Maschinen zur Herstellung von Kerzen und beschloss 1954, gemeinsam mit Mannens Dochte zu flechten. Rund 650 000 Kilometer Baumwolldocht verlassen Nettetal pro Jahr für den europäischen Kerzenmarkt.

Tausende Spindeln drehen sich in der Fabrik Tag und Nacht

Herzstück der Fabrik sind die beiden Flechtsäle. Tag und Nacht drehen sich hier tausende Spindeln mit Baumwollfäden in rasender Geschwindigkeit und erzeugen Dochte. 350 verschiedene Produkte umfasst das Sortiment für Christbaumkerzen, Teelichte, Stumpen, Stabkerzen, Grableuchten, Schwimmkerzen und Duftkerzen.

Für Dr. Matthäi ist der Docht die Seele der Kerze. Persönlich mag der 57 Jahre alte Familienvater am liebsten lange weiße Leuchterkerzen: „Sie spiegeln ihr Licht in den Augen des Gegenübers wider. Das empfinden die Menschen als romantisch.“

wedowick.de

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