7:3 gegen Dynamo Dresden: Zeitzeugen berichten, wie sie das „Wunder von Uerdingen“ erlebten.

7:3 gegen Dynamo Dresden: Zeitzeugen berichten, wie sie das „Wunder von Uerdingen“ erlebten.
Nach dem Abpfiff war der Jubel grenzenlos, auch bei Friedhelm Funkel. Archiv

Nach dem Abpfiff war der Jubel grenzenlos, auch bei Friedhelm Funkel. Archiv

„Schmiko“ Schmitz saß alleine in einem großen Fernsehsaal. (rei)

Günter Körschgen hat die erste Halbzeit des Spiels live gesehen. (Archiv)

dpa, Bild 1 von 3

Nach dem Abpfiff war der Jubel grenzenlos, auch bei Friedhelm Funkel. Archiv

Kreis Viersen/Uerdingen. Man kann es zeitgenössisch sagen, z.B. mit Bob Dylan: „The times they are a changin’“, die Zeiten ändern sich. Oder man kann die klassische Variante nehmen: „Sic transit gloria mundi“, wie der Lateiner zu sagen pflegte – so vergeht der Welten Ruhm. In beiden Fällen bezieht sich das auf den früheren Fußball-Bundesligisten Bayer Uerdingen, der heute auf den Namen KFC hört. Vor genau 30 Jahren allerdings schrieb dieser Verein Fußballgeschichte. In einer legendären Partie im Fußball-Europapokal bezwangen Friedhelm und Wolfgang Funkel mit ihrem Team Dynamo Dresden mit 7:3.

Nach einem 0:2 im Hinspiel waren die Chancen aufs Erreichen des Halbfinales eigentlich schon nahe am Nullpunkt. Und als es zur Halbzeit 3:1 für das DDR-Team stand, gab niemand mehr den berühmten Pfifferling auf die Krefelder. Die allerdings machten das „Wunder von der Grotenburg“ perfekt, indem sie weitere sechs Tore erzielten.

„Wir waren schon ziemlich knatschig.“

Günter Körschgen, Fußball-Fan und Beinah-Zeitzeuge

Wie erlebten Zeitzeugen das Spiel? Damals Spieler in der Uerdinger Zweiten war Franz-Josef „Schmiko“ Schmitz. Er galt in seiner Jugend als eines der großen Torwart-Talente am Niederrhein. Im Herren-Team trainierte er unter anderem an der Seite des späteren Torjägers Manfred Burgsmüller, einer unvergessenen Figur der Bundesliga-Geschichte. Eine schwere Erkrankung hatte Schmitz’ Karriere in Uerdingen gestoppt. „Tuberkulose“, erzählte Schmitz später in einem WZ-Interview. Außerdem sah er sich früh gezwungen, den elterlichen Hof zu übernehmen. Es folgte eine Umschulung zum Industriekaufmann, bevor er zu Fibrit in Grefrath (später: Johnson Controls) wechselte.

Just dieser Arbeitgeber hatte ihn zu einem Fortbildungs-Seminar nach Nürnberg geschickt. Ganz zum Ärger von „Schmiko“. „Das hat mir natürlich nicht gepasst.“ Und dann sei auch noch das Seminar irgendwie nicht das Richtige gewesen – das weiß er heute noch ganz genau.

Dennoch, der Kempener hatte sich mit dem Gedanken arrangiert, nicht ins Stadion gehen zu können. Er freute sich, dass das Spiel von Uerdingen im Fernsehen übertragen werden sollte, und eben nicht die Bayern im Parallelspiel. Das wiederum ärgerte einen Bayern, den er bei der Fortbildung kennengelernt hatte. Dann beschlossen die beiden Fußball-Fans, sich das Spiel gemeinsam „reinzuziehen“. „Dann ging aber der Fernseher nicht – eine Stunde vor dem Anpfiff. Da haben der Bayer und ich Rabatz gemacht“, erzählt „Schmiko“. Sie erreichten, dass das Gerät rechtzeitig repariert wurde.

„Als das 3:3 fiel, dachte ich: ,Bleib’ noch sitzen’.“

Franz-Josef „Schmiko“ Schmitz, früherer Bayer-Spieler

Da saßen sie dann zu zweit in einem großen Fernsehzimmer, eigentlich mehr ein Saal, und sahen sich die Tristesse der ersten Halbzeit an. „Der Bayer ist dann ins Bett gegangen. Da saß ich dann in dem großen Raum alleine“, lacht Schmitz. Er blieb am Ball, holte sich noch ein großes Bier. „Als das 3:3 fiel, dachte ich: ,Bleib’ noch sitzen’“, erinnert er sich.

Was sich nun wirklich lohnte. Der Fußball-Abend nahm seinen grandiosen Verlauf. Am nächsten Morgen auf dem Weg zum Frühstück traf Schmitz den Bayern im Fahrstuhl. Der fragte nach dem Ausgang und dachte, er würde veräppelt. Schmitz denkt natürlich gerne zurück, kann sich aber auch noch erinnern, dass der Mannschaft in einem Pokalspiel gegen Frankfurt ein ähnlicher Coup gelungen war.

„Das war schon was Besonderes“, erinnert sich der St. Töniser Günter Körschgen. Er war an dem denkwürdigen Abend in der Grotenburg, zusammen mit seinem Sohn. Schade, dass er das Wunder nicht gesehen habe, bedauert Körschgen. „Wir waren schon ziemlich knatschig“, sagt Körschgen rückblickend.

In der Pause hatte er den Kaffee auf. „Wir haben uns in die Straßenbahn gesetzt und sind nach Hause gefahren“, erinnert sich der heute 73-jährige gebürtige Krefelder. Zu Hause erreichte ihn die Nachricht vom „Wunder von Uerdingen“, im Fernsehen gab es immerhin die besten Szenen in Gestalt von sechs Toren. Heute blickt er eher gelassen zurück und sagt mit einer guten Portion Humor: „Ich war auch in Istanbul. Dort bin ich nicht eher gegangen“, lacht der Mann, den viele aus seiner Tätigkeit als CDU-Ratsherr und bei der Senioren-Union kennen.

Gern wiederum erinnert er sich an ein Spiel, das die Voraussetzung für das Jahrhundert-Match in der Grotenburg war: das Pokalfinale gegen die Bayern. Es war das erste Pokalfinale, das als feste Einrichtung in der deutschen Metropole über die Bühne ging. Unter der Trainer-Ikone Kalli Feldkamp spielten sich die Uerdinger in einen regelrechten Rausch und ließen die hochgewetteten Bayern mit 2:1 hinter sich. „Das war was“, sagt Körschgen. Und er erinnert sich auch noch genau, dass es den Blau-Roten gelungen war, Eintracht Frankfurt nach Verlängerung mit 6:3 aus dem Pokal-Rennen zu werfen. Das war 1977, aber in der Wirkung natürlich nicht mit dem „Wunder von Uerdingen“ vergleichbar.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer