Die ausrangierte Bahn der Linie 41 diente am Michael-Ende-Gymnasium als Oberstufencafé. Weil sie immer wieder zerstört wurde, wird sie jetzt abgebaut.

Die ausrangierte Bahn diente am Michael-Ende-Gymnasium als Oberstufencafé. Weil sie zuletzt immer wieder mutwillig zerstört wurde, wird sie jetzt abgebaut.
Einst verkehrte die Straßenbahn, wegen ihrer Lampe an der Front liebevoll „die Einäugige“ genannt, zwischen St. Tönis und Krefeld-Fischeln..

Einst verkehrte die Straßenbahn, wegen ihrer Lampe an der Front liebevoll „die Einäugige“ genannt, zwischen St. Tönis und Krefeld-Fischeln..

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Einst verkehrte die Straßenbahn, wegen ihrer Lampe an der Front liebevoll „die Einäugige“ genannt, zwischen St. Tönis und Krefeld-Fischeln..

Tönisvorst. Viel hat sie erlebt, die alte Straßenbahn, die 45 Jahre lang zwischen dem Wilhelmplatz in St. Tönis und Krefeld-Fischeln verkehrte. Zunächst war sie die Linie 1, dann die Linie 41. Aus der Bahn wurde das Oberstufencafé des Michael-Ende-Gymnasiums – und aus dem Oberstufencafé ein Schrottobjekt. Es ist das traurige Ende einer Straßenbahn, die wegen der großen Lampe auf der Vorderseite von den St. Tönisern liebevoll „die Einäugige“ genannt wurde.

Dass das Altertümchen jetzt nur noch für Schrotthändler von Interesse ist, liegt an ein paar Leuten, die die Bahn auf dem frei zugänglichen Schulhof in den vergangenen fünf Jahren immer wieder demoliert, beschmiert und beschädigt haben. „Besonders am Wochenende war es schlimm“, sagt Paul Birnbrich, Leiter des Michael-Ende-Gymnasiums. Scheiben seien mit schweren Steinen eingeworfen und mit brachialer Gewalt zerstört worden. Türen wurden eingetreten, das Innere der Bahn verwüstet. Immer wieder hat das Gymnasium Anzeige erstattet, immer wieder wurde das Verfahren eingestellt. „Selbst als die Schule durch Eigenrecherche Täter ermitteln konnte, passierte nichts“, sagt der Direktor desillusioniert.

Regelmäßig kamen Mitarbeiter der Stadtwerke und ersetzen die zerstörten Türen und Fenster, regelmäßig wurden die neuen Türen und Fenster wieder zerstört. „Wir haben keinen Drive mehr“, sagt Birnbrich, der von der Stadt keine Erlaubnis dafür bekommen hatte, die Bahn mit einer Kamera überwachen zu lassen oder wenigstens eine Kamera-Attrappe zur Abschreckung anzubringen. Und weil die Stadtwerke auch keine weiteren Ersatzteile mehr im Lager haben und den Mitarbeitern die Lust daran vergangenen ist, die mutwilligen Zerstörungen immer wieder zu beheben, wird die „Einäugige“ nun verschrottet.

In der vorigen Woche haben einige Schüler bereits das Café im Inneren der Bahn, das ihnen als Aufenthaltsort in den Pausen und Freistunden gedient hat, leer geräumt. Heute soll ein Schrottunternehmen kommen und die alte Straßenbahn in transportierbare Einzelteile zerlegen. „Ein Teil der Einnahme aus dem Verkauf des Stahls geht an den Förderverein der Schule“, sagt der Direktor des Gymnasiums.

Einiges hatten Schulleitung und Elternvertreter auf sich genommen, bevor die Bahn vor fünf Jahren ihre letzte Station auf dem Schulhof anfahren konnte. Eine Baugenehmigung musste beantragt, ein Gleisbett verlegt werden, ein Statiker musste die Standfestigkeit bescheinigen, ein Schwerlasttransporter wurde gebucht, der die fast 40 Meter lange und 30 Tonnen schwere „Einäugige“ nachts über gesperrte Straßen vom Betriebshof der Stadtwerke zum Schulhof nach St. Tönis brachte. Dort musste das Schultor erst aufgeschweißt werden, bevor der Transporter auf das Gelände kam. Schon im Vorfeld hatte eine Schülergruppe das alte Schätzchen mit Motiven aus den Büchern von Michael Ende verziert.

Die originelle Idee aus Tönisvorst kam so gut an, dass die Nachbarstadt Kempen nachzog. Vor einem Jahr eröffnete an der Skateranlage der Jugendtreff „Gleis 3“ in einer ausrangierten Straßenbahn. Auch dort gibt es immer mal wieder Probleme mit Vandalismus, wenn auch nicht so gravierend wie in St. Tönis. Als Jugendliche dort das Innere der Bahn verwüsteten, mussten sie über den Täter-Opfer-Ausgleich den Schaden wieder beheben.

Am Bahnhof in Anrath nutzen Jugendliche schon seit 18 Jahren einen ehemaligen Eisenbahnwaggon als Jugendcafé. Betreut wird das Projekt von Streetworkerin Marion Tank. „Der Waggon wird gut angenommen, Probleme mit Zerstörungen haben wir nicht“, sagt Tank. Allerdings seien auch alle Türen, die nicht benötigt werden, zugeschweißt und die Fenster mit Jalousien versehen.

In Tönisvorst gibt es speziell im Ortsteil St. Tönis immer wieder Probleme mit Vandalismus und nächtlicher Ruhestörung. Deshalb wird zurzeit diskutiert, ob die Stadt einen Streetworker einstellt, der den jungen Menschen Alternativen zu Drogen, Gewalt und Vandalismus aufzeigt und mit ihnen gemeinsam Beschäftigungsmöglichkeiten und Perspektiven entwickelt.

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