Das Weihnachtssingen auf der Hochstraße war wieder gut besucht. Viele St. Töniser übten für die Feiertage.

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Viele Sänger hatten sich hinter dem vierköpfigen Weihnachts-Orchester aufgestellt, um einen Blick auf die Texte erhaschen zu können.

Viele Sänger hatten sich hinter dem vierköpfigen Weihnachts-Orchester aufgestellt, um einen Blick auf die Texte erhaschen zu können.

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Kurt Lübke, Bild 1 von 2

Viele Sänger hatten sich hinter dem vierköpfigen Weihnachts-Orchester aufgestellt, um einen Blick auf die Texte erhaschen zu können.

St. Tönis. Lang erwartet, gut besucht, viel besungen – das bringt das Weihnachtssingen an der Hochstraße auf einen kurzen Nenner. Zum sechsten Mal hatte die WZ zum Weihnachtssingen eingeladen, diesmal einen Tag vor Heiligabend. Für etliche St. Töniser war das die Gelegenheit, noch einmal die Lieder einzuüben, die heute unter dem Baum erklingen werden.

Nur ganz wenige schauten bei dem Wetter skeptisch. „Mir hat jemand gesagt, er müsse ja schließlich Heiligabend singen, da wolle er sich jetzt die Stimme nicht in der Kälte verderben“, sagt Heiner Aretz kopfschüttelnd. „So ein Quatsch, man singt doch raus und nicht rein“, erklärt der passionierte Chor-Sänger mit über 50 Jahren Erfahrung.

Neben Rolf Schumacher, der mit seinem Akkordeon ein Motor der Aktion ist, sind Rolf Jansen (Trompete), Christian Beckers (Posaune) und dessen Enkel Christian als zweiter Trompeter angetreten. Gastronom Stefan Reepen hat mit großen Schirmen dafür gesorgt, dass die Instrumentalisten und auch ein Teil der Sänger trocken stehen können.

Aber der Schnee hat ein Einsehen, genau in der Stunde des WZ-Weihnachtssingens kommt nichts vom Himmel. Nach einer kurzen Instrumental-Einstimmung, bei der schon die ersten Neugierigen stehen bleiben, ist „Vom Himmel hoch, da komm’ ich her“ das erste Lied.

Rolf Schumacher hatte vorher sehr viel Arbeit

„Ich sing das mal ein bisschen tiefer“, sagt eine Frau in der ersten Reihe leise lächelnd. Der Chor kommt in Fahrt. Bei „Leise rieselt der Schnee“ wird es schon richtig laut. Annemarie und Helmut Kleingrothe sind nach zwei Jahren Pause wieder dabei. Sie haben ein Liederheft mitgebracht. „Zuhause ist alles fertig“, erzählt die St. Töniserin stolz. „Wir wollten eigentlich nach Holland heute, aber da es schon wieder schneit, wird auch aus diesem dritten Anlauf nichts.“ Statt dessen seien sie dann zum Singen gekommen.

„Wir machen zu Hause auch Musik“, begründet Irmgard Aerts ihre Textsicherheit. „Ohne Musik gibt es keine Geschenke.“ Weihnachtslieder gehören für sie zum Fest. „Ohne die könnte ich die Geschenke auch am 14. August verteilen.“

Sigrid Schumacher beobachtet aus dem Hintergrund ihren Mann am Akkordeon. Sie weiß, wie viel Arbeit der diesmal mit den Vorbereitungen hatte. „Die Lieder mussten alle so umgeschrieben werden, dass es für die Bläser spielbar ist“, erzählt sie. Außerdem habe ihr Mann viel zur Geschichte der Weihnachtslieder recherchiert. Das wird von wechselnden Vorlesern vor dem jeweiligen Lied vorgetragen.

Peter Grühnke übt Selbstkritik: „Die ersten drei Strophen überstehe ich meist, dann schwächelt’s.“ Vor allem die siebte Strophe von „Ihr Kinderlein kommet“ bereite ihm Schwierigkeiten. Ortwin Dühring ist neben ihm in ein Heft vertieft. „Aber irgendwie stimmt hier der Text nicht“, meint er verschmitzt grinsend – kein Wunder, er liest Stefan Reepens Speisekarte.

Diese Probleme hat Ingeborg Beck nicht. „Das kann ich noch alles auswendig“, sagt die alte Dame. „Wir haben das früher noch gelernt. Schade, dass das heute nicht mehr so ist.“

Margret Bailey singt im Chor, deswegen kommt sie hierher. Auch Annegret Giesen ist Chorsängerin. „Hier macht es immer besonders viel Spaß“, sagt sie.

Für den Straßenfeger ist der Brauch völlig neu

Helga Jansen gehört zu denen, die sich an den Tischen einen der besten Plätze reserviert hat. Mit der warmen Decke im Rücken singt es sich noch einmal so gut.

Änne Doetsch ist trotz des Schnees mit ihrem Rollator gekommen. „Ich habe mein Leben lang gesungen“, sagt die 88-Jährige und stimmt spontan ein.

Wolfgang Brauers ist ebenfalls als Sänger geübt. Normalerweise singt er in einem Shanty-Chor in Oedt. „Als einziger St. Töniser“, wie er betont.

Dann, als sich die Sing-Stunde schon dem Ende entgegen neigt, bleibt ein junger Mann mit einer orangefarbenen Warnweste stehen. Er lauscht, und man sieht ihm an, dass er sich Mühe geben muss, etwas vom Text zu verstehen. Nach einer kurzen Aufklärung lächelt er: „Ein europäischer Brauch ja? Dass Weihnachten ist, habe ich gehört. Da geht es um einen Fürsten des Christentums, oder? Vielen Dank, dass ich das miterleben durfte“, sagt er noch, bevor für den Straßenfeger ebenso Feierabend ist wie für die Sänger, die sich mit „Fröhliche Weihnacht überall“ in den Heiligabend verabschieden.

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