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Heike Ahlen

Grefrath. Schon an der Tür wird klar, dass man gleich eintauchen wird in eine eigene Welt. Denn wer hinein will in die Grefrather Eissporthalle, muss an den Männern im Kilt vorbei. Die Highlander vom Niederrhein aus Kempen stellen die Security für die 2. Internationale Tattoo und Piercing Convention am Wochenende. Es ist eine Welt mit riesiger Bandbreite von Geschmäckern und Techniken. Da sind diejenigen, die ihre Tattoos stolz präsentieren, und die Menschen, denen man auf den ersten Blick überhaupt nicht ansieht, dass ihr Körper ein Kunstwerk ist, weil sie nur an den Stellen tätowiert sind, die in der Öffentlichkeit die Kleidung verdeckt. "In manchen Berufen bekommt man nämlich immer noch Schwierigkeiten mit den Tattoos", sagt Lars Volkmann.

Der 33-jährige Wachtendonker liegt entspannt auf der Liege einer Tätowiererin, die sich mit Eyreen vorstellt. Volkmann meint nicht die Banker in Nadelstreifen, er kommt vom Bau. "Wir hatten einen Kollegen, der durfte auch im Sommer nur mit langen Ärmeln arbeiten, weil der Chef nicht wollte, dass man die Tattoos sehen kann", erzählt er. Dabei hat das Tattoo trotz mancher Vorurteile längst in allen Schichten Freunde gefunden. Und so bunt wie die Menschen, die die Tattoos tragen, sind auch die Motive. Ein Quietsche-Entchen vor einem farbenfrohen Leuchtturm, Super-Mario mit Bierflasche, das lebensechte Porträt der Mutter, das Chris von "Magic Moon" aus Erkelenz gerade auf Saschas Arm unterbringt, oder der Wikingerkopf für 400 Euro, den sich Sven Will aus Grefrath für die Schulter ausgesucht hat.

Für Lars Volkmann ist das neue Tattoo an der linken Wade ein verspätetes Vatertagsgeschenk von Ehefrau Rose-Marie und Sohn Thore (7). "Es war eine Überraschung, als wir heute Morgen losfuhren, wusste ich nicht, wo wir hinwollten", sagt er und zeigt ein strahlendes Lächeln. Rose-Marie kommt aus Süddeutschland. "Bei uns wird der Vatertag richtig zelebriert, wie der Muttertag, mit Geschenken - nicht mit Sauferei." Und weil Ihr Mann ausgerechnet da arbeiten musste, bekommt er das Tattoo etwas später. Mit Tätowiererin Eyreen war er sich sofort einig. "Die nette Frau hat was aus dem Ärmel gezaubert - und es hat mir auf Anhieb gefallen."

Bei vielen anderen Ständen liegen Bücher mit Motiven aus, nach denen man auswählen kann. Bei Eyreen findet man nur Fotografien ihrer Arbeiten. Sie arbeitet immer frei Hand, entwirft direkt auf dem Körper der Kunden. Eigentlich ist die Lintorferin bildende Künstlerin. "Deshalb finde ich es besonders schön, dass meine Kunst durch die Welt getragen wird", sagt sie. Jedes Werk ist ein Unikat. "Die Haut ist so einzigartig wie der Mensch und das schönste Material zum Malen."

Die Prozedur auf Lars Wade - das entstehende Bild ist ein Fantasiemotiv, das an ein dichtes Geäst erinnert -, dauert rund anderthalb Stunden. Schmerzen empfindet er kaum, weil keine Knochen die Vibration des Geräts abbekommen. Vorher haben sich beide lange unterhalten. "Es muss doch zu dem Menschen passen, den ich tätowiere, dafür muss ich etwas über ihn wissen." Und: "Manchmal sage ich auch nein." Das komme gerade bei sehr jungen Kunden vor. "Die können oft noch nicht übersehen, ob sie das, was sie nun unbedingt auf der Haut tragen wollen, auch in 20 Jahren noch mögen." Während Papa Lars auf Eyreens Liege liegt, schaut Sohn Thore beim Tattoo-Wettbewerb zu. "Papa, du hast die coolste Show verpasst", verkündet er dann. Besonders haben es ihm die roten Schleifchen angetan, die eine junge Frau quer über ihre Füße tätowieren ließ - mit den passenden Ballerinas dazu ein absoluter Hingucker. Aber Lars weiß, dass man sich gerade in jungen Jahren in Sachen Tattoo schon mal irrt.

Sein erstes Haut-Bild, ein Adler aus dem Jahr 1999, existiert auch nicht mehr. Es wurde übertätowiert. "Eine Jugendsünde", sagt er. Aber Eyreens Kunstwerk soll von nun an die Zeiten überdauern. Genau wie die Namen seiner Frau und seines Sohnes, die er an den Armen trägt.

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