Angeklagter soll zwei Promille gehabt haben.

Kempen. Gegensätzlicher hätte man die Szenen einer Ehe in Kempen wohl kaum beschreiben können. Der wegen versuchten Totschlages vor dem Krefelder Landgericht angeklagte F. schilderte das Leben mit seiner Ehefrau E. und drei Söhnen als grundsätzlich gewaltfrei. Außerdem gab er an, dass er nur an den Samstagen etwas Rotwein getrunken habe.

Seine Frau E. hingegen erklärte dem Richter stockend, dass sie jahrelang mit ihren drei Söhnen unter der Aggressivität, Trunksucht sowie den Morddrohungen des heute 60-Jährigen gelitten habe. „Immer wieder schlug er mich. Auch vor den Kindern machte er nicht Halt und drohte, mich in Stücke zu schneiden“, sagte die 54-Jährige.

Die Familie war vor 20 Jahren aus Kasachstan nach Deutschland übergesiedelt. Angehörige der Ehefrau lebten bereits in Kempen. Zuvor hatte F. Flugzeugmechaniker gelernt, an einer Militärhochschule Navigationstechnik studiert und ein Diplom als Trainer für Eishockey und Fußball gemacht. In Deutschland absolvierte er eine Ausbildung zum Lkw-Fahrer, fand sofort eine Anstellung und war über Jahre hinweg nur an den Wochenenden zuhause. „Aber dann war er immer total besoffen“, so seine Ehefrau.

Frau war gerade erst aus dem Urlaub nach Hause gekommen

Aus gesundheitlichen Gründen musste F. im Jahr 2009 seinen Beruf aufgeben. Es kam immer öfter zum Streit. Wegen häuslicher Gewalt, nur wenige Wochen vor der nun verhandelten Messerattacke, erreichte die Ehefrau ein richterliches Wohnungs- und Annäherungsverbot. Trotzdem ließ die 54-Jährige ihren inzwischen obdach- und mittellosen Mann immer wieder in die gemeinsame Eigentumswohnung, damit er duschen oder die Kleidung wechseln konnte.

In ein Obdachlosenheim wollte er nicht. Dann sei er in einer Gartenlaube untergekommen, sagte sie. Ihre Söhne hätten ihm jede Woche etwas zu essen gebracht. „In die Wohnung durfte er nur, wenn einer von den Jungens zuhause war“, so die Zeugin. Dennoch passierte laut Anklage Folgendes: F. griff seine Frau von hinten mit dem Messer an und fügte ihr einen mehrere Zentimeter tiefen Schnitt zu. Als er zu einem weiteren Stich anhob, kam der gemeinsame Sohn (35) aus einem anderen Raum dazu. Er setzte seinen Vater durch mehrere Faustschläge außer Gefecht und rief Notarzt und Polizei.

F. soll zum Tatzeitpunkt zwei Promille Alkohol im Blut gehabt haben. Er sagte dem Richter: „Es war wohl so, wie es in der Anklage steht. Aber ich kann mich nur noch daran erinnern, wie ich am Wohnzimmertisch saß, etwas aß und meine Medikamente nahm, als sie nach Hause kam.“ Seine Frau kehrte damals gerade aus einem zweiwöchigen Urlaub zurück und hatte zuvor F. erlaubt, in der Wohnung zu sein.

Der Prozess wird in der nächsten Woche fortgesetzt.

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