Mit 52,1Prozent wurde der parteilose Manfred Lommetz am 30.August 2009 zum Bürgermeister von Grefrath gewählt. Die WZ sprach mit dem 56-Jährigen über Würde und Bürde, LustundFrustimAmt.

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Die WZ-Redakteure Tobias Klingen (l.) und Detlef Herchenbach (Mitte) im Gespräch mit Manfred Lommetz.

Die WZ-Redakteure Tobias Klingen (l.) und Detlef Herchenbach (Mitte) im Gespräch mit Manfred Lommetz.

Lübke

Die WZ-Redakteure Tobias Klingen (l.) und Detlef Herchenbach (Mitte) im Gespräch mit Manfred Lommetz.

Westdeutsche Zeitung: Herr Lommetz, wie fühlt sich das Bürgermeister-Amt Mitte August 2010 an?

Manfred Lommetz: Das Amt fühlt sich jedenfalls so an, dass ich sowohl gerne ins Rathaus fahre, als auch gerne zu Rats- und Ausschuss-Sitzungen. Viele Bürger haben natürlich die Vorstellung, jetzt kommt der neue Bürgermeister, der macht das jetzt alles ganz anders- obwohl nicht alles einfach so umgestoßen werden kann. Auch ich bin an Vorschriften und Gesetze gebunden. Das war beim Vorgänger so, das ist bei mir so und das wird auch bei meinem Nachfolger so sein.

WZ: Was ist aus Ihrer Idee geworden, Bürgersprechstunden zum Beispiel in Kneipen abzuhalten?

Lommetz: Bisher noch nichts. Jeder, der anruft, bekommt sofort einen Rückruf oder wird durchgestellt. Egal ob es ein Asylbewerber ist, ein Mensch, der ein Baugrundstück haben will, oder jemand aus der Kindergartenszene. Ich hab ja gesagt, dass ich für jedermann da bin.

"Ich hatte vorher irgendwie das Gefühl, im Rathaus sitzen nur Pflaumen."

WZ: Zurück zu den Sprechstunden außerhalb des Rathauses...

Geboren am 12. Dezember 1953 in Grefrath.

Verheiratet, eine Tochter, wohnt seit 1953 (mit Unterbrechungen) auf dem elterlichen Bauernhof in Hinsbeck-Hübeck, das bis 1970 zu Grefrath gehörte.

Katholische Volksschule Grefrath, Abitur am Thomaeum in Kempen. Jura- und Volkswirtschafts-Studium in Bonn.

1981-1984 Referendariat beim Oberlandesgericht Düsseldorf, bei der Stadt Straelen und in der Kanzlei Andries (Krefeld). Nach dem 2.juristischen Staatsexamen Personalabteilung Salzgitter AG (Peine). Seit 1985 eigene Rechtsanwaltskanzlei in Oedt. Seit Oktober 2009 Bürgermeister von Grefrath.

Lommetz: Dafür fehlt mir bisher die Zeit. Denn der Einarbeitungs-Umfang ist nicht zu unterschätzen. Es sind alles neue Bereiche, in die ich voll frisch eingestiegen bin. Ich brauche auch erst einmal die ganzen Hintergrund-Informationen, was ist da bis jetzt gelaufen und so.

WZ: Wie Sie sich Mitte August 2010 fühlen, haben Sie schon gesagt. Was macht den Unterschied zum 21.Oktober 2009 aus, dem Tag Ihres Amtsantritts im Grefrather Rathaus?

Lommetz: Am 21.Oktober wusste ich ja überhaupt nicht, was mich erwartet. Ich merke, dass ich eine gewisse Autoritätsperson bin, etwas anordnen kann, das auch umgesetzt wird. Die Hierarchie, die im Rathaus besteht, kennen zu lernen, war sicherlich eine Neuerung. Aber damit komme ich gut klar.

WZ: Was war die positivste Erfahrung für Sie in den letzten zehn Monaten?

Lommetz: Ich hatte ja vorher irgendwie das Gefühl, im Rathaus sitzen nur Pflaumen. Dieser Eindruck hat sich ins Gegenteil verkehrt. Ich habe erfahren, dass im Rathaus überwiegend verantwortungsbewusste Mitarbeiter tätig sind- Namen lassen wir mal weg. Wir haben hier eine Menge Leute, da bin ich positiv überrascht, wie ernsthaft diese sich die Angelegenheiten zu eigen machen. Die schlafen auch mal schlecht, wenn etwas nicht optimal läuft.

WZ: Welches ist die negativste Erfahrung, die größe Enttäuschung?

Lommetz: Negativ finde ich, dass ich sehr viel mit Personalverwaltung beschäftigt bin. Das macht mir keinen Spaß. Mal geht es um eine Schwangerschaftsvertretung, mal um Langzeitkranke. In so einem kleinen Rathaus konzeptionell zu planen, ist nicht einfach. Für vollkommen ausgeufert halte ich die Selbstverwaltung der Bürokratie. Stichwort: LOB, die leistungsorientierte Bezahlung der Mitarbeiter. Für mich ist das ein tarifrechtlicher Fehltritt, den ich für systemwidrig halte, weil wir hier nicht in der freien Marktwirtschaft sind, sondern in der öffentlichen Verwaltung. Da kann man diese Grundsätze überhaupt nicht anwenden. Und der Aufwand, den man dafür betreibt: Kommissionen, Sitzungen, Schulungen, über Widersprüche beraten- das sind die Sachen, die mich aufregen. Darauf wird zuviel Zeit verwendet.

WZ: Sind Sie ernüchtert, was die Möglichkeiten des Amtes angeht?

Lommetz: Nein, eigentlich gar nicht. Ich bin der Auffassung, dass man einige Dinge umsetzen kann, ohne viel Geld auszugeben. Ich würde gerne etwas für Familien, Tourismus, Wirtschaftsförderung und ehrenamtliches Engagement der Bürger aus dem Verwaltungs-Boden stampfen- mit vorhandenen Kräften. Das Ziel muss sein, eine Identifikation der Bewohner mit dem Ort herzustellen. Wir haben intern sehr kreative Köpfe, die ich für diese Marketing-Kampagne nutzen will. Aber das Projekt ist noch nicht rund, da kann ich noch keine Details nennen.

"Wesentlich ist, dass unsere Firmen vor Ort hier expandieren können."

WZ: Apropos Wirtschaftsförderung: Da gibt es in Grefrath Nachholbedarf...

Lommetz: Keine Frage! Aber Betriebe anzulocken wie in Kempen die Absatzzentrale oder in Nettetal Lidl mit dem Mineralwasser-Werk- das ist Utopie für eine Gemeinde wie Grefrath. Dafür hätten wir überhaupt keine Flächen. Keine Frage, wir brauchen dringend Gewerbegrundstücke für den heimischen Mittelstand- und das schon seit zehn Jahren. Aber das ist ja nicht so super gelaufen. Wesentlich ist, dass unsere Firmen vor Ort hier expandieren können. Dass wir viele fremde Betriebe anlocken können, das glaub’ ich im Leben nicht.

WZ: In welche Richtung sollte sich die Niersgemeinde entwickeln?

Lommetz: Wir sollten einen familienfreundlichen, kleinen feinen Ort gestalten. Dazu gehören auch bezahlbare Baugrundstücke, nicht so teuer wie in Kempen oder Nettetal. Allerdings verfügen wir zurzeit kaum über Baulandflächen. Immerhin tut sich jetzt was in Vinkrath südlich der Mörtelsstraße.

"Ein kleiner feiner Ort, das ist mein Ziel."

WZ: Und wie sieht es in Oedt aus?

Lommetz: Auch in Oedt herrscht rege Grundstücks-Nachfrage- obwohl viele behaupten, Oedt sei unattraktiv. Günstige Baulandpreise ziehen auch bauwillige Familien nach Oedt. Doch das reicht alleine nicht. Wir müssen eine ordentliche Schullandschaft hinbekommen. Zum Beispiel die Verbundschule: Wenn das klappt mit Real- und Hauptschulklassen zum Schuljahr 2011, das wäre sehr gut. Die Kindergarten-Landschaft in der Gemeinde ist bereits optimal. Bei der Betreuung der unter Dreijährigen werden wir den Bedarf voll abdecken können. Und wenn all’ das stimmt, dann kommt vielleicht der eine oder andere und siedelt sich mit seinem Betrieb an. Keine 150Leute, aber vielleicht 15Mitarbeiter. Ich glaube, dass ist der bessere Ansatz, um was hinzubekommen. Ein kleiner feiner Ort, das ist mein Ziel. Grefrath ist inzwischen mehr Familien- als Wirtschaftsstandort. Das war zu Girmes-Zeiten ja ganz anders.

WZ: Thema Einzelhandel: Wie geht es da weiter?

Lommetz: Man kann die Geschäfte im Ortskern nur halten, wenn man die Kaufkraft bindet. Sprich: Die Grefrather müssen in Gref-rath einkaufen. Wir brauchen einen runden Tisch mit Politik, Einzelhandel und Verwaltung, um die Ergebnisse der Untersuchung der Firma Stadt und Handel zu analysieren. Dann überlegen wir die nächsten Schritte.

WZ: Und was ist mit Oedt?

Lommetz: Das läuft ganz schwer. Laut Entwicklungskonzept von Stadt und Handel würde sich ein Lebensmittelmarkt in Oedt lohnen. Aber für den Spar-Markt finden wir einfach keinen Betreiber. Und das liegt nicht daran, dass die Miete zu hoch ist- die ist okay. Aber keine der Ketten wie Rewe, Edeka oder wer auch immer will da rein. Wenn da in den nächsten zwei Monaten nichts passiert, müssen wir die Girmes-Pläne vorantreiben. Da hat ein Investor Interesse, für einen Discounter eine Filiale zu bauen. Denkbar wäre auch eine Passage zwischen Hochstraße und Albert-Mooren-Allee auf dem Grundstück Köhler/Kellermann mit Supermarkt, Arztpraxen und einer Filiale der Sparkasse.

WZ: Wie schätzen Sie die Tourismus-Chancen für Grefrath ein?

Lommetz: Wir sind keine Mittelstadt. Wir müssen schauen, dass wir unseren Platz zwischen den großen Nachbarn Kempen mit seiner schönen Altstadt und Nettetal mit seinen Seen finden. Wir müssen nicht in Konkurrenz zu denen treten, sondern sagen: Wir sind in der Nähe von Kempen, da kannst du mit dem Bus hinfahren- und wieder zurück. Wir müssen uns irgendwie dazwischen entwickeln.

"Eine erneute Kandidatur? Das ist alles offen."

WZ: Wie stehen die Chancen für einen weiteren Kunstrasenplatz?

Lommetz: Es gibt einen Antrag von SV Grefrath und SuS Vinkrath, in Grefrath Auf dem Heidefeld etwas Gemeinsames zu schaffen. Wie die Chancen stehen, muss jetzt abgeklopft werden. Nach einer Lösung wird gesucht.

WZ: Was sind für Sie die wichtigsten Themen bis zum Ende 2010?

Lommetz: An erster Stelle steht für mich die Verbundschule, das Thema brennt. Dann die Umsetzung der Marketing-Kampagne, die Erschließung des Gewerbeparks Wasserwerk und neue Wohnbaugebiete- vor allem in Oedt.

WZ: Sie sind für sechs Jahre gewählt. Treten Sie 2015 erneut an?

Lommetz: Gesundheit, Politik, Lust- das muss alles zusammenpassen.

WZ: Heißt das, Sie kandidieren ein zweites Mal?

Lommetz: Das ist alles offen. Das weiß ich wirklich noch nicht. Die Arbeit macht mir wirklich Spaß hier. Andererseits will ich auch noch mal als Rechtsanwalt arbeiten...

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