Vor 65 Jahren feierten die Menschen das erste Fest nach dem Krieg. Karl-Heinz Hermans erinnert sich.

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Die Propsteikirche wurde 1944 zerstört.

Die Propsteikirche wurde 1944 zerstört.

Die Propsteikirche wurde 1944 zerstört.

Kreisarchiv, Bild 1 von 2

Die Propsteikirche wurde 1944 zerstört.

Kempen. Leckeres Essen in Hülle und Fülle, köstlicher Wein, Geschenke für die Kleinen – so sieht es heute Abend vermutlich bei vielen Familien aus. Diese glücklichen Umstände lernt man umso mehr schätzen, wenn man sich mit Karl-Heinz Hermans (Foto) über die erste Weihnacht nach dem Zweiten Weltkrieg spricht. In der WZ erinnert sich der Kempener Ehrenbürger an das Fest 1945, das er als 16-Jähriger erlebt hat.

„Allmählich wollten die Menschen zur Normalität zurückkehren“, erzählt der frühere Bürgermeister. „Das war aber gar nicht so einfach.“ Schließlich herrschte noch Not an allen Ecken und Enden. „Lebensmittel waren knapp, deshalb konnte man nicht großartig auswählen, was zum Fest auf den Tisch kommt. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter eine leckere Rindfleischsuppe gekocht hat.“ Das Stück Fleisch hat die Familie von einem befreundeten Bauern bekommen.

Die Menschen ließen ihr Brot bei Hermans backen

1945 lief auch das Geschäft – Bäckerei und Wirtschaft – von Hermans’ Vater Heinrich langsam wieder an. Sohn Karl-Heinz hatte seine Bäcker-Lehre beim Vater begonnen. „Wir hatten wieder gut zu tun. Es gab die ersten Zutaten, es konnte gebacken werden.“ Vor allem die gute Qualität des amerikanischen Mehls ist dem 81-Jährigen noch in Erinnerung.

Auch in den privaten Haushalten gab es wieder Zutaten – zum Beispiel für ein Weißbrot. „Nur Backöfen waren Mangelware“, ergänzt das Kempener Urgestein. Dies führte dazu, dass die Menschen mit dem fertig geformten Teig zur Bäckerei an der Ellenstraße kamen. Hermans: „Die Leute konnten ihr Brot bei meinem Vater backen lassen. Er hat dafür ein paar Pfennig bekommen.“ Mehr als 120 „Lohn-Weißbrote“ müssten es zum damaligen Fest gewesen sein.

Propsteikirche war zerstört – Christmette im Kolpingsaal

Und wie sah es mit Geschenken aus? „Das war natürlich schwierig“, sagt Hermans. „Aber es gab für jeden eine Kleinigkeit. Das, was man so auf dem Schwarzmarkt tauschen konnte. „Ich weiß noch, dass meine Eltern für 30 Pfund Mehl ein Paar Stiefel für meine Schwester bekommen haben.“

„Das größte Geschenk war aber der Frieden“, erzählt der 81-Jährige. „Nach den schlimmen Kriegsjahren mit unzähligen Bombennächten haben sich die Menschen nach Ruhe gesehnt.“ Und so lief dann auch das Fest bei Familie Hermans ab. „Wir hatten die Bäckerei an Heiligabend bis 18 Uhr geöffnet. Dann haben sich meine Eltern erstmal ausgeruht.“ Die Bescherung gab es am ersten Weihnachtstag nach dem Frühstück. Zur Christmette ging es damals auch. „Aber nicht in die Propsteikirche“, sagt Karl-Heinz Hermans. „Die ist bei einem Bombenangriff 1944 zerstört worden.“ Deshalb mussten die Gläubigen ausweichen – zum Beispiel in den Kolpingsaal.

Dieser Saal war auch Schauplatz des ersten Weihnachts-Balls nach dem Krieg. „Am zweiten Weihnachtstag war es Tradition, abends zu tanzen und zu feiern. Dafür war ich damals noch zu jung. Aber ich weiß noch, dass einige Menschen zu dem Ball gegangen sind.“ So konnte man die schlimmen Zeiten für ein paar Stunden vergessen. Das war viel wichtiger als leckeres Essen, köstlicher Wein und viele Geschenke.

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