Die Abo-Saison startete in Nettetal mit „Endstation Sehnsucht“.

Lobberich. Das ging ja gut los: Die Nettetaler Theater-Abo-Saison startete am Freitagabend mit einem modernen Klassiker: "Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams stand auf dem Programm.

Das Drama, das dem US-amerikanischen Schriftsteller den Pulitzer-Preis und bei der späteren Verfilmung Marlon Brando die erste Paraderolle bescherte, wurde in der Werner-Jaeger-Halle vom Tournéetheater Thespiskarren in Zusammenarbeit mit dem Alten Schauspielhaus Stuttgart präsentiert.

Das Publikum ist in seinen Empfindungen hin- und hergerissen

Es ging in dem Stück um Leidenschaften und Lebenslügen, um krasse Gegensätze, um Gewaltausbrüche und um schwache Nerven. Tennessee Williams sollte es vermeiden, klar Partei zu ergreifen. So war das Publikum in seinem Empfinden hin- und hergerissen.

Blanche (Franziska Arndt), eine Tochter aus gutem Südstaaten-Hause, platzt bei ihrer Schwester in New Orleans in deren ärmliche Behausung.

Blanche mit ihren teuren Kleidern und den langen, gewellten Haaren wirkt wie ein Fremdkörper. Sie spielt die feine Dame, ist aber nicht authentisch, wie am heimlichen Whisky-Konsum abzulesen ist.

Stella, ihre Schwester (Marie Anna Suttner), scheint zufrieden zu sein in diesem ärmlichen Ambiente, in dem sie lebt. Der Gegenpol zu Blanche ist aber nicht die Schwester, sondern deren Ehemann Stanley (Martin Bermoser), dessen Familie aus Polen stammt.

Tennessee Williams charakterisiert exemplarisch die Dekadenz einer Führungsschicht, die abgewirtschaftet hat und stellt ihr die moderne Welt mit Unkultur, aber enormer Vitalität, Kraft und einer guten Portion Brutalität gegenüber.

Dabei gelingt es dem Autor, Stanley nicht auf einen brutalen Macho zu reduzieren, sondern er lässt ihn immer wieder - zumindest ansatzweise - auch menschlich und sogar ein wenig sympathisch erscheinen. Und er ist nicht dumm. So deckt er die Lebenslügen seiner Schwägerin auf, die in einem drittklassigen Hotel für ihre vielen Männerbekanntschaften berüchtigt war.

Und Stanley sorgt durch Weitergabe seiner Informationen dafür, dass Mitch (Andreas Klaue), ein in die Jahre gekommenes Muttersöhnchen, sein Interesse an Blanche verliert.

Er will sie zum Sex zwingen, Stanley tut es. Blanche wird immer mehr zur tragischen Figur. Bei 40 Grad Hitze möchte sie auf ihren weißen Pelzmantel nicht verzichten, sie redet sich ein, von einem reichen Freund abgeholt zu werden.

Ein würdiger Abgang für eine psychisch Labile

Stattdessen kommen ein Arzt (Uwe-Peter Spinner) und eine burschikose Krankenschwester (Sabine Bickel), um Blanche in die Psychiatrie zu bringen.

Ob es daran liegt, dass Williams selber an Depressionen litt? Auf jeden Fall gönnte er der psychisch Labilen einen würdigen Abgang, das Mitgefühl der Zuschauer dürfte ihr sicher gewesen sein. rudi

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer