Die Zugteilnehmer sparten nicht mit lokalpolitischer Brisanz. Besonders die Zukunft der Burg rief die Narren auf den Plan.

Kempen. Rosenmontag 2010 in der Thomasstadt - was für ein Tag, was für eine Stimmung, was für ein schöner Rosenmontagszug! Drei Jahre mussten die Kempener Jecken auf diesen närrischen Lindwurm warten, der dafür umso größer, bunter und einfach einzigartig ausfiel.

Und das Schönste: "Alles verlief wunderbar ruhig, es gab keine besonderen Vorkommnisse", berichtete Hauptkommissar Norbert Wans von der Polizeiwache in Kempen am Montag am späten Nachmittag auf WZ-Anfrage.

Am Morgen strömten die Narren in Richtung Bahnhof

Bereits am frühen Vormittag breitete sich der jecke Bazillus rasend schnell über die ganze City aus. An den Bierständen wurde angezapft, die Musikanlagen wurden aufgedreht, immer mehr kostümierte Narren strömten vor allem aus Richtung des Bahnhofs in die für diesen Tag autofreie Innenstadt.

War dies die Ruhe vor dem Sturm? "Nein, bei uns brummt bis zum Zugbeginn der Bär", meint Chefkoch Rainer am Grill vorm Bahnhof. Er und zehn Damen vom Bahnhofskiosk versorgten vor allem die Zugteilnehmer, die vor ihrem Vier-Kilometer-Marsch eine deftige Stärkung gut gebrauchen konnten.

Direkt gegenüber auf der Kleinbahnstraße stand der schicke Prinzenwagen, auf dem Irene Dohmes und Ruth Schmitz fleißig Kamelle verstauten. "Wir helfen Ihrer Lieblichkeit, unserer Tante Marinanne I., und ihrem Mann, Prinz Peter I. Croonenbroeck, indem wir ihnen das Wurfmaterial anreichen", sagte Irene Dohms, deren Mann Stefan den royalen Traktor lenkte.

12.11 Uhr, der Zoch kütt! Just in diesem Moment kam die Sonne raus - wenn auch nur für einen Augenblick. Der WZ-Bus, den WZ-Mitarbeiterin Susanne Böhling lenkte, führte den Jeckentreck noch vorm blauweißen Bochumer Musikcorps an.

Rosenmontag 2010 in Kempen, das waren 111 Wagen und Fußgruppen und 30 000 Jecken, die die Straßen säumten.

Wenn die Narren etwas besonders gerne durch den Kakao ziehen, dann die (Lokal-) Politik. So hatten sich die Kegelklubs Ballermann und Cosmar Casino gleich zwei Möglichkeiten ausgedacht, wie die Burg aus dem Dornröschenschlaf zu wecken sei: Die Ballermänner plädierten fürs "Burghotel", Cosmar Casino schlug die Nutzung als "Geisterburg" vor.

Der Sportverein Thomasstadt machte keinen Hehl aus seinem "grünen" Interesse: "Aus Kempens Asche soll Kunstrasen sprießen". Apropos grün: Die Grünen nahmen als Konjunkturpakete teil, während "Lachs und Leder" den Bogen zur internationalen Politik spannte, sichs Nachthemd anzog und "Yes, we gähn" sagte - das klang nach Amtsmüdigkeit.

Der Tönisberger Löschzug nahm sich seines kuriosesten Alarms im letzten Jahr an: "Hier steht ein Pferd im Pool." Und die Wehr aus St.Hubert legte nach und erinnerte im gelben Friesennerz an das verheerende Hochwasser im Juni 2009, das Kempens Keller voll laufen ließ.

Viele bunte Schafe waren die Messdiener, die jetzt dank Gemeinschaft der Gemeinden und Fusion "gemeinsam blöken". Und Kempens Abi-Jahrgang 2010 führte mit Blick auf die Fußball-WM in Südafrika ein Freudentänzchen im schwarz-rot-goldenem Trikot auf.

Einfach verkleiden genügt den Narren hier nicht - die Kempener setzen auf wahre Prachtkostüme. Bunte Vögel, Schmetterlinge, Moviestars und bärtige Piraten waren die sehenswerten Vorboten weitaus prachtvollerer Maskierungsideen.

Die Straßengemeinschaft Südend präsentierte sich zu ihrem 60-jährigen Jubiläum als Kerzen samt dreistöckiger Papptorte. Kniffelfrauen und Karnevalsfreunde waren "heiß aus Eis" - ein zum Dahinschmelzen süßer Anblick. "Die süßeste Versuchung seit es Schokolade gibt" war samt lila Holzkuh auf Rollen die Tönisvorster Landjugend.

Bei den Voescher Junggesellen war Olli Kahn der Ehrengast

Nicht nur eine lockere Schraube hatte der "Schrau-Bär" und seine Schrauben. Eine abgedrehte Idee, wenn auch die Familie nicht komplett war: Es fehlte die Mutter.

Fantastisch viele Teilnehmer hatten die Voescher Junggesellen, die als Superhelden mit Ehrengast Olli Kahn teilnahmen. Weiße Tupfen hatte der Reit- und Fahrverein Schmalbroich - komplett in Fliegenpilze verwandelt - auf dem Kopf. Und das Komitee des Kempener Karnevalsvereins feuerte vom Wagen aus die Konfettikanone ab.

Den krönenden Abschluss bildete das Kempener Prinzenpaar PeterI. und Marianne I. (Croonenbroeck) auf seinem musikalisch angehauchten Prunkwagen, der sie nah am Volk hielt und sicher durch die Straßen seines Königsreiches beförderte. Karneval kann so schön sein - so schön wie am Montag in Kempen.

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