Holocaust-Gedenktag: Die Jüdin Mirjam Honig floh aus Kempen in die Niederlande. Am Dienstag berichtete sie im Thomaeum von der Zeit als Verfolgte.

Betroffen lauschen die Thomaeer am Dienstag dem Lebensbericht von Mirjam Honig.
Betroffen lauschen die Thomaeer am Dienstag dem Lebensbericht von Mirjam Honig.

Betroffen lauschen die Thomaeer am Dienstag dem Lebensbericht von Mirjam Honig.

Kurt Lübke

Betroffen lauschen die Thomaeer am Dienstag dem Lebensbericht von Mirjam Honig.

Kempen. Mucksmäuschenstill ist es, als Mirjam Honig am Dienstagmorgen Neuntklässlern des Thomaeums ihre Geschichte erzählt. Mirjam Honig ist Tochter des Anwalts Karl Winter und wurde am 17.August 1922 in Kempen geboren. Mirjam und ihre Familie sind Juden. Wegen des zunehmenden Drucks auf die jüdischen Mitbürger auch in Kempen emigriert die Familie am 1.Oktober 1935 in die Niederlande.

"Die Freiheit wird euch nicht gratis in den Schoß gelegt."

Mirjam Honig

In der Schule durfte niemand mehr neben ihr sitzen, erzählt Mirjam Honig. Die beste Freundin tat dies trotzdem. Als sie nach Jahrzehnten zum Klassentreffen eingeladen wurde, hat sie gefragt, warum diese das tat. Die Antwort berührt noch heute: "Meine Mutter hat gesagt, ihr seid beste Freundinnen, Mirjam hat es jetzt besonders schwer, sei mal besonders nett zu ihr. Das hab’ ich einfach getan."

Im Nachbarland glaubte sich die Familie sicher. Karl Winter schlug sich als Krawattenvertreter mehr schlecht als recht durch. Doch als die Deutschen die Niederlande besetzten, wurde es für die Familie eng. Immer mehr Freunde und Nachbarn wurden deportiert. Es erscheint wie ein Wunder, dass die Winters immer wieder rechtzeitig gewarnt wurden, wenn neue Abtransporte anstanden. Noch heute ist Frau Honig dankbar dafür.

Im Juli 1942 wurde es Zeit, unterzutauchen. Aus Sicherheitsgründen war die Familie auf verschiedene Orte rund um Venlo und Eindhoven verteilt. Mirjam Honig hatte in Kempen katholische und protestantische Freundinnen. Deshalb fiel es ihr nicht schwer, sich in den Familien, wo sie Obdach fand, einzufinden. Noch heute steckt bei einer Familie ein Lesezeichen an der Stelle in der Kinderbibel, aus der sie an ihrem letzten Abend, vorlas.

"Könnt ihr euch das vorstellen, das ständige Gefühl der Gefahr? Wir waren unfrei, wir waren vogelfrei, jeder konnte mit uns machen, was er wollte", fragt sie die Schüler. Man merkt ihnen die Betroffenheit an und auch dass sie Schwierigkeiten haben, damit zurecht zu kommen. Nein, sie können sich das nicht vorstellen.

Am 22. November 1944 wurde Sevenum, der letzte Zufluchtsort von Mirjam Honig, durch englische Soldaten befreit. Ihr späterer Mann warnte die Familie vor der Deportation. Bis heute lebt sie in Eindhoven. Am Dienstagmorgen hat sie das erste Mal in Deutschland, in ihrer Heimatstadt, von ihren Erlebnissen berichtet. "Passt auf Euch auf, die Freiheit wird euch nicht gratis in den Schoß gelegt", mahnt sie die Schüler. bu

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