Als Detektiv Sherlock Holmes verkleidet erkundete „ne Kölsche Jung“ das feiernde Kempen.

ALTWEIBER-Treiben
WZ-Mitarbeiter Tim Attenberger (Mitte) alias Sherlock Holmes erkundete das Treiben der alten und jungen Weiber in Kempen.

WZ-Mitarbeiter Tim Attenberger (Mitte) alias Sherlock Holmes erkundete das Treiben der alten und jungen Weiber in Kempen.

Außer Rand und Band: Bürgermeister Volker Rübo als Feuerwehrmann ...

... und Ehrenbürger Karl-Heinz Hermans (rechts) als Stimmungskanone.

Lübke, Bild 1 von 3

WZ-Mitarbeiter Tim Attenberger (Mitte) alias Sherlock Holmes erkundete das Treiben der alten und jungen Weiber in Kempen.

Kempen. „Huch, Karneval“, ist am Donnerstag in Kempen die erste Reaktion einer Frau auf mein Kostüm. Verkleidet als Sherlock Holmes begebe ich mich an Altweiber auf Spurensuche. Als Kölner möchte ich herausfinden, wie die Kempener an den jecken Tagen feiern.

Kurz vor elf Uhr laufe ich durch die Straßen der Altstadt. Mir fällt direkt auf, dass nur wenige Passanten verkleidet sind. Außerdem betrachten viele von ihnen äußerst interessiert meinen Inverness-Mantel, eines der Markenzeichen des Londoner Meisterdetektivs.

„Hier schlägt das Herz des Karnevals.“

Prinz Peter I. im Rathaus

Aus der Sparkasse an der Orsaystraße ertönen unerwartet Karnevalsschlager. Der Kassenraum ist rot und weiß geschmückt, die Angestellten sind alle als Marienkäfer verkleidet. Plötzlich steht Mitarbeiterin Andrea Brüning lachend vor mir, greift nach meinem braunen Schlips und kürzt ihn gekonnt mit einer Schere.

Während Sherlock Holmes darauf vermutlich mit Erstaunen reagiert hätte, fühle ich mich nun wie zu Hause. „Da ist ein Profi am Werk“, denke ich mir. Zur Belohnung gibt es Wangenküsse und ein Glas Orangensaft.

Außerirdische und Cowboys schunkeln dicht an dicht

Als ich weiter zum Buttermarkt gehe, höre ich aus dem Rathaus ebenfalls karnevalistische Klänge. Auf dem Platz davor stehen kleine Grüppchen von Frauen. Sie sind geschminkt und verkleidet und unterhalten sich. Offenbar warten sie auf Nachzügler. Ich nutze die Gelegenheit für ein kleines „Verhör“. „Der Kempener Karneval ist sehr einfallsreich“, findet die 20-jährige Tammy Moerders, die als Katze verkleidet ist und mit ihren Freundinnen zur Feier ins Rathaus will. Das macht mich neugierig.

Die Fensterscheiben des Gebäudes sind mit grinsenden Clowns beklebt. Innen drängen sich Mönche, Außerirdische und Cowboys dicht an dicht. Sie lachen, trinken Bier und Sekt und schunkeln zur Musik. Säulen und Decke sind mit Tüchern in Rot, Grün und Blau geschmückt. Aus den Boxen dröhnt der Klassiker „Am Dom zo Kölle, zo Kölle am Rhing“. Die Rheinländer halten eben zusammen.

Nun fehlt eigentlich nur noch ein Prinz, der auch schon in Gestalt von Peter I. auf die Bühne steigt. „Kempen Helau“ und „Hier schlägt das Herz des Karnevals“, ruft er. Angesichts der rund 400 Leute, die im Foyer tanzen und feiern, kann man ihm nicht widersprechen.

Auf Jungfrau und Bauer werde ich wohl verzichten müssen. Dafür gibt es eine waschechte Prinzessin, Marianne I., die so etwas wie einen Reformvorschlag mitgebracht hat: „Bei so schönem Wetter könnte man auch den Marktplatz in Beschlag nehmen.“

Scherze über den klammen Haushalt und die neue Mensa

Doch am Donnerstag müssen sich die Möhnen erstmal mit dem Rathaus begnügen. Wild rennen als „alte Weiber“ verkleidete Mitarbeiterinnen die Treppe herunter und nehmen Volker Rübo das Zepter aus der Hand. Der Bürgermeister ist als Schotte verkleidet und scherzt über den klammen Haushalt: „Ein Bürgermeister im Schottenrock und die Stadtkasse auf dem Trockendock.“

Ehrenbürger Karl-Heinz Hermans darf auf der Bühne einen prunkvollen Thron besteigen und singt kräftig bei „Superjeile Zick“ von Brings mit. Die „alten Weiber“ Birgit Heidrich und Alexandra Arnold überreichen Rübo einen Feuerwehrhelm in Anspielung auf ein rauchfreies Rathaus sowie einen Gutschein für die neue Schul-Mensa. Sie reimen: „Erst wenn das erste Licht angeht, weiß man vielleicht, wie es mit den Kosten steht.“

Nach dem offiziellen Teil geht das Schunkeln und Tanzen munter weiter. „Es ist schön, dass wir im Rathaus tagsüber die zentrale Feier der Stadt haben“, meint Umweltreferent Heinz Puster. Und „Cowgirl“ Nicola Weenen ergänzt: „Bis heute Abend sind alle so richtig in Karnevalsstimmung.“

Wie Sherlock Holmes auf Altweiber in Kempen reagiert hätte, kann nicht beantwortet werden. Aber als Kölner bleibt festzuhalten: Im Rheinland sind alle jeck.

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