WZ-Redakteurin Kerstin Reemen kennt Grefrath aus ihrer Jugend. Jetzt entdeckte sie den Ort neu.

Rundgang
Die Magnolie am Bergerplatz steht in voller Blüte. Nostalgisch muten das Straßenschild und die Laterne an.

Die Magnolie am Bergerplatz steht in voller Blüte. Nostalgisch muten das Straßenschild und die Laterne an.

Hinter den Giebeln der Häuser an der Hohe Straße schaut der Kirchturm von St. Laurentius hervor.

Friedhelm Reimann, Bild 1 von 2

Die Magnolie am Bergerplatz steht in voller Blüte. Nostalgisch muten das Straßenschild und die Laterne an.

Grefrath. Die Magnolie im Vorgarten blüht geradezu verschwenderisch. Ihre Blätter bedecken den Boden, haben sich wie ein rosafarbener Organzastoff über den gepflegten Rasen des Einfamilienhauses am Bergerplatz, Ecke Stadionstraße gelegt. Der Baum hat sein Alter. Er könnte, er muss schon dort gestanden haben, als ich als Heranwachsende oft mit den Rad den Weg von Süchteln nach Grefrath zurücklegte, um an heißen Sommertagen ins Schwimmbad zu gehen. Grefrath, den Ort, haben wir Teenager damals nur gestreift. Ich erinnere mich nur an etliche Kugeln Eis.

Viele Räder, schöne Türen und alte Straßenschilder

Viel mehr Erinnerung ist aus Jugendtagen nicht geblieben. Eisstadion und Niederrheinisches Freilichtmuseum, Pannekookehuus und Kegelbahn - das sind heute vertraute Ausflugsziele. Aber Grefraths Mitte? Der Markt? Die geselligen Treffpunkte? Höchste Zeit, sich wieder ein Bild zu verschaffen. Der Vormittag ist kühl, aber sonnig. Schon gegen halb zehn stehen Dutzende Fahrräder am Bergerplatz. Schön ist er, quasi der grüne Eingang zur Hohe Straße.

Die grünen Laternen und die Schrift der Straßenschilder heben sich von den modernen Varianten anderer Städte wohltuend ab. Die Häuser mit den Hausnummern 10 und 7 zieren wunderschöne Türen aus Holz. Viele freie Parkplätze gibt es um diese Uhrzeit nicht. In der Apotheke stehen Kunden Schlange.

Zur Linken zweigt Deversdonk ab. Der? Die? Das? Einheimische würden über diese Frage schon die Augen verdrehen. Ein Blumen- und ein Gemüsestand haben ihr Sortiment ausgebreitet. Café Oomen hat bereits die Stühle und Tische in die Sonne gerückt. Sie wärmt noch nicht, aber ein paar wackere Rentner in warmen Jacken führen bei Kaffee draußen schon Gespräche übers Wetter und das Finanzamt.

Im Café ist es voll. St. Laurentius läutet noch nicht einmal 10 Uhr. Vor Zeemann und Ernstings Family hängt Moden auf Bügeln und Ständern. Die Geschäftigkeit des Morgens setzt ein. Gegenüber haben die zwei Plakatwände mit Werbung fürs Mönchengladbacher Minto, von Wind und Regen an allen Ecken und Enden zerfleddert, ihre verlockende Wirkung verloren.

Ein paar Schritte weiter, vorbei an der Kirche, öffnet sich die Gasse zum Markt. Hotel Hoffmanns, seit 1873 am Platze, wirkt einladend mit seiner gelben Fassade und der blauen Tür. Das Umsehen auf dem gepflasterten Platz lohnt sich. Heute ist kein Markt. Da kann der Blick an den Fassaden entlang gleiten. Auf der dem Hotel gegenüberliegenden Seite reihen sich Döner, Nudel und Pizza-Haus an Eiscafé Fiume, Steakhaus Kempges und Eiscafé Jojo. Wie beim Fürsten Blücher, der Eck-Gaststätte, stehen überall Stühle davor. Viel Platz für Geselligkeit. Ein Hingucker auch das denkmalgeschützte Haus, in dem Hanisch Herrenmoden im Erdgeschoss ist.

Eine kleine Gasse zwischen diesem und dem nächsten Haus gibt den Blick auf Jesus am Kreuz frei. Schaut man in dieser engen Gasse in den Himmel, rücken die Dächer noch näher zueinander, als es die Mauern schon tun. Wie Hans-guck-in-die-Luft die Hohe Straße weiter zu schlendern, lohnt sich.

Giebel von unterschiedlicher Höhe und Schräge kommen aneinander, wirken trotz Größenunterschieds eigentümlich verbunden, weil sie schon so lange Nachbarn sind. Fenster mit Sprossen, wie man sie heute kaum mehr sieht, bis zu vier an der Zahl nebeneinander, verleihen den Fassaden Charakter. Kaum eine gleicht der anderen. San Marco, noch ein Eiscafé.

Auf der anderen Seite der Hohe Straße stehen Stühle gestapelt vor der Gaststätte Alt Grefrath und dem Bürgerhof. Zwei Namen, eine Küche. Wenn die Sonne dort auf die Straßenseite scheint, dann sitzt es sich sicher gemütlich dort. Beinahe holländisch mutet das Haus Nummer 53 an, weißes Mauerwerk, grüne Fester und Türen. Es trägt, wie so viele, die Denkmalplakette.

Hier ein Gässchen, dort ein offenes Tor, eine Einfahrt. Am Brunnen vor der Lobbericher Straße endet die Schlendertour durch die Hohe Straße, die mit Buchhandlung, Augenoptik, Schülerhilfe, Kosmetik und Frisörsalon, Uhren und Schmuck, Bioladen, Bekleidungsgeschäften und Wollladen viel mehr zu bieten hat als gedacht. So viel mehr als zwei Kugeln Eis im Hörnchen aus der Erinnerung.

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