Marion Kehren aus Viersen fotografiert vergessene Plätze und fängt morbide Schönheiten ein.

Fotografie
Ein Bild mit Symbolkraft: Marion Kehren hat bei ihrer„Lost Places“-Tour in Grefrath durch das Loch im Glasdach einer Halle den Schornstein fotografiert, der weithin sichtbar den Namen „Girmes“ trägt. Zu sehen sind nur die Buchstaben G und I – Girmes ist Geschichte.

Ein Bild mit Symbolkraft: Marion Kehren hat bei ihrer„Lost Places“-Tour in Grefrath durch das Loch im Glasdach einer Halle den Schornstein fotografiert, der weithin sichtbar den Namen „Girmes“ trägt. Zu sehen sind nur die Buchstaben G und I – Girmes ist Geschichte.

Blick fürs Detail: Büroklammern in einer alten Fischkonservendose.

Marion Kehren, Bild 1 von 2

Ein Bild mit Symbolkraft: Marion Kehren hat bei ihrer„Lost Places“-Tour in Grefrath durch das Loch im Glasdach einer Halle den Schornstein fotografiert, der weithin sichtbar den Namen „Girmes“ trägt. Zu sehen sind nur die Buchstaben G und I – Girmes ist Geschichte.

Oedt/Willich. Bevor sie in Parallelwelten aufbricht, packt sie ein. Einen Helm. „Sicher ist sicher.“ Mundschutz. Regencape. Fest und gut sitzende Schuhe. Eine Taschenlampe. Und ein Leathermann – ein „Multi-Tool“ für den Hosengürtel, Zange und Taschenmesser in einem. Perfekt ist die Entdecker-Ausrüstung erst mit Kamera, Blitzlicht und einem lichtstarken Objektiv mit 2.8er Blende.

Orte, an denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint

Um fremde Welten zu entdecken, reist die Viersenerin Marion Kehren (49) nicht um den Globus. Sie bleibt im Kreis Viersen. Plätze, die der Welt entrückt sind, an denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, findet sie mitten unter uns. Häuser, alte Fabrikgelände, Gewerbe, ehemalige Krankenhäuser. . .

„Lost Places“, vergessene Plätze, hat sie im Fokus. Die Faszination dafür hat das Stahlwerk Becker in Willich in ihr entfacht. Die Hallen des ehemaligen Industriestandorts, mittendrin thronend das ehemalige Wasserwerk, so gewaltig und mittlerweile so heruntergekommen. Verlassen. Verwahrlost. Als Motiv erste Wahl.

In Willich entstand vor zwei Jahren ihre erste Fotostrecke. „Zu der Zeit habe ich einen Ausgleich zu meinen Fußballbildern gesucht“, sagt die studierte Betriebswirtin, die viel Freizeit in den Frauenfußball steckte, regelmäßig Spiele verfolgte und sie mit Bildern dokumentierte. Doch dann suchte Marion Kehren bewusst die Wende. Fort von den bewegten, sportiven Aufnahmen - hin zu den morbiden Stillleben.

„Es ist schön, sich in eine andere Zeit versetzen zu können. Ich frage mich dann immer, wie es wohl früher dort ausgesehen hat, wer dort gearbeitet hat“, erzählt Marion Kehren. Sie spürt den alten Zeiten nach, um ihre Nachhaltigkeit zu bewahren. Sie stemmt sich mit jeder Fotogalerie gegen die Schnelllebigkeit.

Blick fürs Detail schärft die Sinne

Helmut Pasch von der Girmes Vermarktungs-und Entwicklungs-GmbH hat sich die Bilder angeschaut: „Ich bin immer wieder begeistert, wie schön man eine morbide Situation in einem Bild zur Schönheit verwandelt. Es liegt wohl immer im Auge des Betrachters. Wir, die GVE wünschen uns natürlich, dass dieser Verfall durch uns gestoppt wird und die Gebäude eine entsprechend neue Verwendung finden werden.“

Mehr Fotos von „Lost Places“ zeigt Marion Kehren auf

www.parallel-welten.net

Der Blick für Details schärft die Sinne. Eine verdreckte Ölkanne aus Zink, verstaubte Büroklammern in einem rostigen Schälchen, aus dem vor Jahren mal ein Dosenfisch aufs Butterbrot gekommen ist, ein Aktenwagen, dessen Blätter in den Ordnern niemand mehr lesen möchte. Wie kompositorisch schön Rost, Risse und abgeplatzter Putz, Lochfraß und Schmutz in Szene gesetzt werden können, kann man unter anderem an ihrer jüngsten Bilderserie ablesen, die Marion Kehren gerade ins Netz gestellt hat. Sie setzt der Oedter Textilfabrik Girmes damit ein Denkmal: Denk mal an das, was dort alles produziert wurde? Wer dort gearbeitet hat? Wie die Geräusche in den Hallen geklungen haben, als sie noch mit Werksleben gefüllt waren? Oft begleitet sie jemand durch die Räume. Am liebsten ist Marion Kehren aber allein unterwegs, um immer wieder innehalten zu können, wenn sich plötzlich vor ihren Augen ein Motiv aus dem verlassenen Ort herausschält. Vier Stunden lang ist sie mit Erlaubnis in der Tasche über das Girmes-Gelände gestiefelt, durch die leer geräumten, verlassenen Produktionshallen, Treppenhäuser und Büros der Zentralverwaltung.

Von 600 Bildern werden 530 gelöscht – die besten bleiben

Mehrere 100 Bilder hatte sie im Kasten, als sie nach Hause fuhr. „Und dann geht es ans Löschen. Das tut mir im Herzen weh“, sagt die Hobby-Fotografin, die die Fülle von 600 Fotos auf etwa 70 Motive reduziert. „Nur die schönsten und aussagekräftigsten bleiben. Sonst wird’s langweilig.“ Die Fotos erzeugen Wehmut. Aber auch Neugier. Was wird nun folgen? Was könnte man nicht alles aus diesen Hallen, Räumen, Plätzen machen? Welche Welt wird sich hier auftun? Die Kraft der Bilder ist stärker als der Rost. Voll starker Symbolik. Ein Loch im Glasdach beispielsweise gibt den Blick frei auf ein Stückchen Schornstein, das vom Namen nur die Buchstaben G und I einfängt. Girmes ist nicht mehr. Das ist Erinnern und Festhalten an einem Gestern mit einer 2.8er Blende.

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