Das Industriemuseum Cromford in Ratingen untersucht das, was unter Hitler für Mode gehalten wurde.

Ratingen. Braune Hemden, schwarze Stiefel, lange Ledermäntel, aber auch Trachten und Dirndl: Beim Stichwort „Mode unter Hitler“ kommen einem schnell Bilder in den Sinn, die der historischen Wirklichkeit jedoch nicht gerecht werden.

Das Industriemuseum Cromford hat sich deshalb als Ziel gesetzt, das Bekleidungsverhalten in den 1930er- und 1940er-Jahren wissenschaftlich zu untersuchen. „Wir sitzen auf einem Riesenschatz, der nicht gehoben wird“, sagte Leiterin Claudia Gottfried am Dienstag bei der Vorstellung des Forschungsprojektes.

Unterstützt wird das Museum dabei von der Volkswagen-Stiftung, die für die dreijährige Forschungsarbeit gut 350 000 Euro beisteuert. Gottfried: „Wir sind eines von zehn Museen, die deutschlandweit dafür ausgesucht wurden. Im September werden die ersten Ergebnisse in einer Ausstellung im Industriemuseum präsentiert.“

Dabei will man keineswegs nur Exponate präsentieren, sondern auch die Ergebnisse von Zeitzeugenbefragungen zum Thema Mode einfließen lassen. Die lassen nämlich manches Kleidungsstück in einem anderen Licht erscheinen. So gehörte damals zur Ideologie, unabhängig zu sein, weshalb die Einfuhr von Baumwolle verboten wurde.

In der Folge boomte die chemische Industrie mit neuen Synthetikfasern. „Die fühlten sich ganz anders an. Und dieses Gefühl hat sich bei vielen Menschen tief eingeprägt“, sagt Gottfried aus den Erinnerungen ihrer Zeitzeugen.

Eine spezielle Mode in der Zeit der NS-Diktatur gab es nicht: Das Regime habe Wasser gepredigt und Wein getrunken. „Die Damen der Nazibonzen trugen Pariser Chic und orientierten sich an den damaligen Filmstars wie Greta Garbo oder Lilian Harvey“, sagt Gottfried. Offiziell war es dagegen verpönt, sich als Frau zu schminken oder besonders feminin zu kleiden. Überhaupt wurde Mode hauptsächlich übers Kino transportiert, Zeitschriften spielten dagegen kaum eine Rolle.

Kleidung hatte immer auch eine politische Dimension

Dass Kleidung gerade in dieser Zeit immer auch eine politische Dimension hatte, wird nicht nur am Stellenwert der Uniformen deutlich, die fast jede NS-Organisation hatte. Die Kleidung bestimmte, wer dazu gehörte oder ausgegrenzt wurde. Und damit nichts dem eigenen Geschmack überlassen blieb, gab es sogar eine „Rocksaumlängenverordnung“, die strikt einzuhalten war. Zum Themenkomplex Mode gehört auch der Spendenzwang, dem das NS-Regime die Bevölkerung unterzog: Ob Spinnstoffsammlung oder Winterhilfswerk – wer Kleidung hatte, sollte davon abgeben.

Dafür gab es Anstecker und anderen Schnickschnack, mit dem der Spender sich als solcher kenn- und auszeichnen konnte. Diese Sammelaktionen wurden vom Regime aber auch genutzt, um die geraubten Kleidungsstücke der deportierten und ermordeten Juden unauffällig unters Volk zu bringen.

Grauen auf dem Appellplatz

Bei ihren Forschungen stieß Gottfried auch auf eine Untersuchung über den Appellplatz im KZ Sachsenhausen: Dort mussten Häftlinge nach einem Vergehen so lange mit Schuhen im Kreis laufen, bis sie tot zusammenbrachen. Besonders makaber: Die großen deutsche Schuhfirmen haben dabei die Haltbarkeit verschiedener Sohlenmaterialien getestet.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer