Das von einem Unbekannten schwer verletzte Mädchen ist vielleicht die einzige Zeugin der Tat.

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Rund 60 Polizeibeamte der Hundertschaft durchkämmten gestern die Nevigeser Innenstadt.

Rund 60 Polizeibeamte der Hundertschaft durchkämmten gestern die Nevigeser Innenstadt.

Simone Bahrmann

Rund 60 Polizeibeamte der Hundertschaft durchkämmten gestern die Nevigeser Innenstadt.

Velbert. Einsatzbesprechung vor der Turnhalle: Handzettel mit einem Plan der Nevigeser Innenstadt werden verteilt, dann strömen die Einsatzkräfte der Hundertschaft in größeren Trupps aus. 60 Beamte aus Bochum, Essen und Mönchengladbach sind rund um den Fundort der kleinen Kassandra S. (9) unterwegs, suchen jede Mülltonne, jedes Gebüsch ab, stapfen in Vorgärten. Für den Ort ein Novum. Eine Anwohnerin schüttelt den Kopf. "So etwas gab es hier noch nie."

Das Verbrechen an der neunjährigen Schülerin, die ein Unbekannter am Montag schwer verletzt in einen Gully warf, lässt die Nevigeser nicht los. Fieberhaft sucht die Polizei nach dem Täter - eine heiße Spur gibt es noch nicht. Das Opfer liegt nicht mehr im künstlichen Koma (siehe Kasten), doch ist das Mädchen weiter ohne Bewusstsein. Wann sie befragt werden kann, steht in den Sternen. Kassandra wird im Krankenhaus rund um die Uhr von Polizisten bewacht. Die Ermittler hoffen auf ihre Aussage - womöglich ist sie die einzige Zeugin.

Ob sich das Mädchen nach dem Aufwachen erinnert, ist unsicher

Doch wird sie sich erinnern können? Der Polizeisprecher zuckt mit den Schultern. "Das kann man nicht sagen." Das Mädchen musste ein Martyrium erleiden, lag Stunden mehr tot als lebendig in dem feuchten, dunklen Schacht. Nach einem Schock, sagen Mediziner, können die Erinnerungen ausgelöscht sein, eine Art Selbstschutz.

Im Hintergrund wird es laut. Die städtischen Mitarbeiter, die in ihren orangefarbenen Westen im grünen Meer der Polizeiwagen und -beamten auf dem Parkplatz auffallen, schreiten zur Tat. "Sie roden den Pfad hinter der Halle", erklärt Polizeisprecher Ulrich Löhe. Vielleicht, so die Hoffnung der Ermittler, finden sich Gegenstände, die sich mit dem entsetzlichen Verbrechen in Verbindung bringen lassen, vielleicht persönliche Gegenstände des Täters.

Das Landeskriminalamt (LKA) hat Fall-Analytiker zur Unterstützung geschickt. Die auch als Profiler bekannten Spezialisten sollen ein Täterprofil erstellen. Frank Scheulen, Sprecher des LKA, will aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht zu viel verraten. "Sie sammeln vor allem Informationen am Tatort, was für die lokalen Kräfte gar nicht in dem Maß möglich wäre. Zum Beispiel wird der mögliche Tathergang in Sequenzen unterteilt, der Zugang zum Tatort untersucht", so der Scheulen.

"Letztlich ist ein künstliches Koma eine Narkose", erklärt Peter Scharmann, Oberarzt der Anästhesie am Klinikum Niederberg in Velbert. Es wird angewandt etwa nach einem operativen Eingriff oder bei lebensbedrohliche Verletzungen oder Erkrankungen. "Man versucht, diese Gefahr durch das Koma abzufedern." Mit Medikamenten wird ein Zustand beim Patienten hervorgerufen, "in dem er Dinge mit sich machen lässt, die er sonst nicht mit sich machen lassen kann". Ein künstliches Koma sei immer nur die "zweitbeste Möglichkeit". Dieser Zustand lässt sich längere Zeit aufrecht erhalten. Bessert sich die Verfassung, wird das Koma aufgehoben.

Dennoch ist der Patient dann noch nicht ansprechbar. "Dann bleibt das Warten, bis er wieder aufwacht", sagt Scharmann. Der Patient müsse wieder selbstständig atmen können. Wie lange das dauert, hängt zum Beispiel davon ab, welche Medikamente verabreicht wurden. Sie müssen sich nach und nach abbauen.

Ziel ist es, den Täter einzugrenzen. Er muss offenbar über genaue Ortskenntnisse verfügt haben, weil der Trampelpfad zum Tatort versteckt liegt. Ausgeschlossen werden kann auch nicht, dass Kassandra ihren Peiniger kannte. Der LKA-Sprecher betont: "Unabhängig von diesem Fall gilt - wenn das Ergebnis etwa wäre, dass der Täter männlich ist und ein bestimmtes Alter hat, kann zum Beispiel ein Massenspeicheltest empfohlen werden." Nur brauchen die Ermittler dazu erst einmal DNA-Spuren. "Wir suchen", heißt es dazu.

Derzeit werden auch Zeugen befragt, die zur Tatzeit in der Nähe des Spieltreffs Kinderschreie gehört haben wollen. Ob es sich um Hilferufe oder "normales Kindergeschrei" handelte, konnten die Kriminalisten noch nicht sagen.

Die Polizei setzt vor Ort weiterhin auf Hinweise aus der Bevölkerung. Plakate wurden aufgehängt. Darauf steht in großen Buchstaben "Mordversuch". Und die Bevölkerung wird aufgefordert, sich mit Hinweisen zu melden. Gestern machten die Beamten noch einmal Hausbesuche. Die massive Polizeipräsenz wird Neviges wohl erst einmal erhalten bleiben. "Wir wollen den Druck auf den Täter erhöhen", sagt Polizeisprecher Löhe.

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