Die Stellmacherei Schorn ist seit 23 Jahren unsachgemäß eingelagert. Nun sollen Teile verschenkt und der Rest entsorgt werden.

So sieht die Stellmacherei Schorn heute aus.
So sieht die Stellmacherei Schorn heute aus.

So sieht die Stellmacherei Schorn heute aus.

Pierre-Claude Hohn

So sieht die Stellmacherei Schorn heute aus.

Ratingen. Einem schönen Stück Ratinger Heimat- und Handwerksgeschichte, nämlich der alten Stellmacherei Schorn, droht die Müllhalde. Nach der Auflösung der Werkstatt Mitte der 80er-Jahre lagerten die Teile und Maschinen jahrelang in Scheunen und Hallen, jetzt sollen sie an Museen verschenkt, die Reste dann verschrottet werden.

Rund 150 Jahre lang stand die Kutschenbauwerkstatt auf dem Areal der heutigen Sparkassen-Hauptstelle zwischen Düsseldorfer und Minoritenstraße.

Als der Betrieb 1986 geschlossen und das Gelände an die Sparkasse verkauft wurde, stellten die Inhaber das Inventar der Werkstatt dem Stadtmuseum als Dauerleihgabe zur Verfügung: eine riesige Gattersäge, mit der Baumstämme zu Brettern gesägt wurden, Kreis- und Bandsägen, Hobelmaschinen und -bänke sowie zahllose Werkzeuge.

Hanni Schorn erinnert Stadt und Stadtsparkasse an ihr Versprechen

"Die Stadt und die Sparkasse haben uns damals versprochen, daraus etwas zu machen", erinnert sich Hanni Schorn (88), deren Vater und ältester Bruder die Stellmacherei bis zuletzt betrieben haben. Doch zunächst wurde die funktionsfähige Werkstatt demontiert und in einer von der Stadt angemieteten Scheune in Homberg eingelagert. Und damit begann das Elend.

Denn beim Abbau wurde das "schöne, kulturhistorisch interessante Ensemble", wie die Verwaltung es heute selbst bezeichnet, nicht in einer Weise dokumentiert, die einen Wiederaufbau möglich gemacht hätte.

Der älteste schriftliche Nachweis zum Stellmacher-Handwerk in Ratingen ist das Geschäftsbuch der Familie Schorn, dessen erster Eintrag vom 27.Oktober 1837 datiert. Aus einer im Buch enthaltenen Aufrechnung aus den Jahren 1830 bis 1836 ist zu schließen, dass die Stellmacherei mindestens schon 1830 bestanden hat.

In dem Geschäftsbuch ist auch aufgeführt, welche Arbeiten in dem Betrieb ausgeführt wurden: Herstellung von Wagenrädern, Achsen, Kartböcken, Gestellen, Bremsvorrichtungen sowie ganzer Wagen. Das Holz wurde in Lintorf und auch bei den Speeschen Förstern gekauft - vor allem Eichen- und Buchenstämme.

Dafür hätten alle Teile fotografiert, nummeriert und in Zeichnungen festgehalten werden müssen, was aber nicht passiert ist. Außerdem sollen bereits beim Transport in die Scheune Teile des Inventars gestohlen worden sein.

Seit 1990 sei klar gewesen, dass eine Aufstellung der Werkstatt in Ratingen nicht möglich sein würde, stellt Kulturdezernent Dirk Tratzig fest. Gründe: der immense Platzbedarf, das Gewicht und auch der Zustand der Werkstatt.

Wegen der sehr hohen Mietkosten der Scheune wurden Maschinen und Werkzeuge 1997 in die Bauhalle für Karnevalswagen an der Sandstraße umgelagert - dabei gingen wieder Teile verloren und gerieten durcheinander. Museen, die gefragt wurden, ob sie die alte Werkstatt übernehmen und ausstellen wollen, winkten ab.

Im vergangenen Jahr unternahm die Verwaltung einen letzten Anlauf und schrieb insgesamt 136 Museen an. 45 antworteten abschlägig, weil sie schon eine Stellmacherei haben, drei hatten Interesse, besichtigten die Teile in Ratingen - und sagten dann ebenfalls ab.

Ein Wiederaufbau sei wegen der mangelhaften Dokumentation nahezu unmöglich, auf jeden Fall unverhältnismäßig teuer und aufwändig.

Darüber hinaus sind viele Teile korrodiert und zeigen Verrottungserscheinungen, so dass sie erheblich restauriert werden müssten. Außerdem will die Stadt nicht weiter Lagerkosten bezahlen.

Für 23 Jahre Lagerung hat die Stadt mindestens 50 000 Euro bezahlt

Mindestens 50 000 Euro sind bislang für die 23 Jahre Lagerung angefallen. Deshalb will man sich jetzt von den Teilen trennen. Museen, die Interesse an einzelnen Teilen haben, sollen diese geschenkt bekommen. Anschließend soll der übrige Bestand verschrottet werden. Ein eventueller Erlös soll dem Stadtmuseum für die Neugestaltung der Dauerausstellung zu Gute kommen. Und für Nachfahren, die laut Verwaltung mit dem Vorgehen einverstanden sind, gibt’s eine Spendenquittung.

Für Hanni Schorn ist das Schicksal der Werkstatt ihres Vaters "ganz bitter"

Hanni Schorn findet das Schicksal der väterlichen Werkstatt "ganz bitter". "Ich bedauere sehr, was die Stadt da alles versäumt hat."

Auch die Vorsitzende des Heimatvereins, Andrea Töpfer, trauert der historischen Werkstatt nach, weiß aber auch, dass es in Ratingen keine Ausstellmöglichkeit gäbe. "Aber vermasselt wurde damals alles beim Abbau."

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