Carina Matyssek ist als Austauschschülerin in Peking. Von Zeit zu Zeit berichtet die Hombergerin aus dem Reich der Mitte.

Zu viele Menschen – das macht nicht nur den U-Bahn-Verkehr zur Herausforderung.
Zu viele Menschen – das macht nicht nur den U-Bahn-Verkehr zur Herausforderung.

Zu viele Menschen – das macht nicht nur den U-Bahn-Verkehr zur Herausforderung.

Carina Matyssek

Zu viele Menschen – das macht nicht nur den U-Bahn-Verkehr zur Herausforderung.

Ratingen/Peking. "Wer hat die Klimaanlage angemacht?", fragt mein Klassenlehrer streng. Draußen sind 32 Grad und wir haben sie während des Selbststudiums angeschaltet. Das ist aber verboten, denn erst ab einem Stichtag dürfen wir die Klimaanlage benutzen, da gibt es auch in einem warmen Sommer wie diesem keine Ausnahme.

Ähnlich streng geht es beim Heizen zu. Das ganze Land ist in Nord und Süd eingeteilt. Wer südlich des Yangtse wohnt, hat überhaupt keine Heizung. Im Umkreis Pekings hingegen, wo es im Winter minus 5 Grad kalt war, läuft die Heizung vom 15. November bis zum 15. März. Städte, die noch weiter im Norden liegen, haben bis zum 15. Mai warme Wohnungen. Die strikten Regeln haben mit dem größten Problem dieses Landes zu tun: der enormen Bevölkerung.

Mein Jahr in China

Sam Roberts, ein australischer Lehrer, der für einen Monat an meiner Schule lebt, sagte: "So ein Staat kann überhaupt nicht wie ein europäischer funktionieren." Wie Recht er damit hat, zeigt sich, seit die Schweinegrippe ausgebrochen ist. Es gibt Hotels außerhalb Pekings, die keine Ausländer aufnehmen und wer einreist, wird mit Wärmekameras auf Fieber untersucht, wie die deutsche Nationalmannschaft vor ihrem Spiel gegen China. "Die USA sagen, China reagiere über - aber was sollen wir machen? Wenn hier die Seuche ausbricht, ist es genauso schlimm wie bei der Vogelgrippe", versucht meine Gastmutter mir zu erklären. Sie hat Bedenken, weil ich nach Hong Kong reisen will. Die Vogelgrippe (Sars) war für die Chinesen ein Schock. Meine Gast-Eltern haben sich, wie viele andere, für eine Woche in der Wohnung verschanzt. Mehr als 600 Menschen starben, Schulen waren geschlossen. Als ich das erste Mal in China in ein Krankenhaus ging, erzählte ich danach einem Freund: "Hier gibt es Krankenhäuser für die Kranken. Die, die nur ein bisschen Fieber haben, müssen in ein kleines, heruntergekommenes Gebäude neben dem eigentlichen Krankenhaus."

Von der Ein-Kind-Politik ist nicht mehr viel zu sehen

Heute weiß ich, dass diese kleinen Gebäude in aller Eile während der Sars-Epidemie gebaut wurden. Wer Verdacht auf die Lungenkrankheit hatte, wurde isoliert. Peking hat in etwa so viele Einwohner wie ganz Rumänien, da breitet sich eine Epidemie viel schneller aus. Wir Schüler werden jeden Montag beim Flaggenhissen daran erinnert.

Wenn Chinas Bevölkerung schrumpfen würde, könnte das viele Probleme lösen - auch den enormen Druck an der Schule. Doch das ist für die nächsten 50Jahre so gut wie ausgeschlossen. Trotz der Ein-Kind-Politik ist nur jedes fünfte Kind ein Einzelkind. Wer einer der vielen Minderheiten angehört, darf nämlich mehrere Kinder haben, auch wenn er mit einem Han-Chinesen verheiratet ist. Außerdem haben arme Bauern meist mehrere Kinder, die die Regierung stillschweigend duldet. Und wer genug Geld hat, der zahlt oft an die Behörden für das zweite Kind oder auch das dritte.

ist 16 Jahre alt und wohnt mit ihrer Familie in Homberg. Sie besucht das Heinrich-Heine-Gymnasium in Mettmann. Seit September lebt sie bei einer Gastfamilie in Peking, am Sonntag kehrt sie zurück.

Ein Vorurteil ist, dass diese Kinder meistens Jungen sind. Es stimmt zwar, dass Ultraschall-Untersuchungen verboten sind, um das Geschlecht des Kindes herauszufinden, aber in den Städten ist das den Menschen kaum noch wichtig. Mein Gastvater weiß, warum: "Das war früher so, als man dachte, dass die Tochter mit der Hochzeit die Familie verlässt. Die Eltern befürchteten, dass sie danach alleine dastehen, weshalb ihnen ein Sohn lieber war."

An der Mitgift kann es auch nicht liegen, die gibt es in China nämlich nicht. Im Gegenteil, erzählt er weiter: "Arme Bauern wollten meist nur einen Sohn haben, sie mussten der Braut und ihrer Familie nämlich eine Menge Geld geben." Das kann auch Yang Dongling bestätigen, eine Uigurin, die der Han-Nationalität angehört. "Meine Oma meinte, ein Sohn alleine würde die Familie nicht komplett machen, also hat meine Familie noch mich bekommen. Ich glaub, ich war nicht billig", sagt sie und lacht.

Anzeige

 

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer