Selbstversuch: Möhne? Elferrat? Ohne eine geringste Ahnung, aber mit jeder Menge Vorurteilen zieht ein Karnevalsmuffel los – und lernt bei „blau-weiss“ das Feiern.

Ratingen. Für einen selbst ernannten Karnevalsmuffel verhieß die Ratinger Kult-Weiberparty von "blau-weiss", die bereits seit einem Jahr ausverkauft war, nichts Gutes: unzählige, verkleidete, laute, schunkelnde Weiber und Schlagerstars. Soweit zu den Vorurteilen. Für den Karnevalsmuffel beginnt der Horror dann bereits mit der Frage, wie er sich für seine große Mission "Karneval im Selbstversuch" tarnen soll. Die Taktik lautet also: So wenig Aufwand wie möglich und trotzdem nicht auffallen. Also bleibt der Griff zu Stiefeln, Jeans, Karo-Hemd und Hut - der zufällig vom vergangenen Urlaub übrig geblieben ist. Fertig ist das Outfit.

Der zweite und vermutlich schwerste Schritt: Sich möglichst unvoreingenommen ins Getümmel zu stürzen. Und wie klappt das am besten? Mit einer Freundin an der Seite, deren Stimme sich bereits acht Stunden vor Partybeginn vor Übermotivation überschlägt und im Viertelstunden-Takt eine Vorschau auf das Unvermeidbare trällert: "Ich hab’ drei Haare auf der Brust, ich bin ein Bär." Und hergestellt ist das Gleichgewicht: Miese Laune trifft Heiterkeit. Die Mission kann beginnen.

Phase I: Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr

Mit dem Betreten der Dumeklemmerhalle werden die schlimmsten Befürchtungen wahr. Auf der Bühne resümiert Bernd Stelter das Jahr 2008. Schon jetzt stehen die Frauen auf den Stühlen, singen den Refrain mit, klatschen und schunkeln im Takt. Die mitgebrachte Freundin ist bereits völlig aus dem Häuschen. "Schäfer Heinrich von Bauer sucht Frau ist der Ziegen-Peter der Unter-30-Jährigen", wiederholt sie hicksend vor lachend Stelters Worte.

Ihre Stimmung will aber irgendwie noch nicht abfärben. Mit dem Auftritt vom Hausmann ändert sich das aber schlagartig. Er bringt die sprachlichen Eigenheiten der Rheinländer auf den Tisch: "Im Rheinland heißt es nicht Kommunion, sondern Kommion oder einfach ’der Jung jeht mit’". Mit der Einlage von "Klaus und Willi" nimmt das Programm seinen Lauf. Auf jedes Wortgefecht der beiden folgt schallendes Gelächter der hingerissenen Damen.

Dann folgt jedoch der Karnevalskultur-Schock: Das Prinzenpaar mit Gefolge schreitet durch den Saal und wird vom Publikum mit einem musikalischen "Oh wie ist das schön" begrüßt. Und der Karnevalsmuffel stellt sich insgeheim die Frage: "Ach ja, ist es das wirklich?"

Nun kommt der Teil, den er auch schon in unzähligen Fernsehmitschnitten gesehen hat: Die Tanzgarde tanzen, der Prinz spricht ein paar Worte, die Damen übernehmen das Regiment - in diesem Fall die Schirmherrin Ulrike Gloyna, die dem verwunderten Karnevalsausschuss-Sprecher Peter Hense mit einer Schere das Oberhemd ruiniert. Das alles ist nicht so unausstehlich wie erwartet, reißt den Neuling aber auch nicht aus seinen Cowboy-Stiefeln.

Die dann doch unvermeidliche Phase III: Die Stimmung färbt ab

Dann kommt Er. Der sonnenbank-gebräunte Entertainer mit blondierter Stoppel-Mähne und weißem Ballermann-Outfit: Nic singt "Einen Stern, der Deinen Namen trägt" und die Halle tobt. Nic schlendert lässig durch die Reihen und holt die Mädels auf die Bühne. Die sind hin und weg. Jetzt ist es also soweit: Fürs Protokoll ein Blick auf die Uhr.

Um 21.51 Uhr ist der Funke auf den Karnevalsmuffel offiziell übergesprungen. Die Stimmung und die Raumtemperatur steigen. Unterm Cowboyhut wird’s mittlerweile unangenehm warm. Die Tänze werden wilder, die Tanzpartnerinnen immer zahlreicher. Von allen Seiten werden dem einstigen Partymuffel nun lächelnde Blicke zugeworfen, er wird immer wieder zum Tanz aufgefordert und herumgeschleudert.

Eine kleine Atempause folgt. Die Funky Marys singen "Ohne Dich schlafe ich nicht ein" und laden zum Schunkeln ein. Wenig später werden die Rheinländer als unverzichtbare Weiberparty-Gäste auf die Bühne gerufen - und es wird sofort klar, wieso. Die Halle bebt, spätestens jetzt hält die Weiber nichts mehr an den Tischen.

Jedes Fleckchen Tanzfläche wird genutzt, Stühle an die Seite geschoben. Beim Auftritt der Rabaue beweisen sich die Damen als äußerst textsicher - niemand, der das Insellied nicht kennt: "Ich möcht so gern mit dir allein auf einer kleinen Insel sein", schallt es entgegen.

Um 23.30 Uhr ist die Party noch immer in vollem Gange. "Hier bekommt man ja ganz tolle Kostümideen fürs nächste Jahr", sagt die mitgebrachte Freundin. Ja, nächstes Jahr. Na, übertreiben wollen wir’s ja nicht gleich.

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