Zwei Studenten forschen an der Seifert-Orgel in St. Peter und Paul. Mit beachtlichem Erfolg.

Thomas Stöckl und Benedikt Aufterbeck (v.l.) tüfteln an der Seifert-Orgel.
Thomas Stöckl und Benedikt Aufterbeck (v.l.) tüfteln an der Seifert-Orgel.

Thomas Stöckl und Benedikt Aufterbeck (v.l.) tüfteln an der Seifert-Orgel.

Pierre-Claude Hohn

Thomas Stöckl und Benedikt Aufterbeck (v.l.) tüfteln an der Seifert-Orgel.

Ratingen. Der altehrwürdige Spieltisch auf der Empore von St.Peter und Paul hat Gesellschaft bekommen. Auf der Ablage über den Manualen liegt ein ordinäres Plastik-Keyboard, daneben steht ein Laptop, und das ist wiederum mit einem Alu-Koffer verkabelt, der vollgestopft ist mit Platinen, Leuchtdioden und Kippschaltern.

Organist Ansgar Wallenhorst klingt wie ein Junge, wenn er von der neuen Technik spricht, die da gerade installiert wird. "Ich freu mich drauf", sagt er und die Augen leuchten.

Herren über Keyboard, Kabel und Koffer sind der Ratinger Benedikt Aufterbeck und sein Kommilitone Thomas Stöckl. Die beiden sind drauf und dran, die Orgelwelt zu revolutionieren.

So gewaltig ihre Entwicklung ist, so schwer lässt sie sich Laien erklären. Dabei ist die Grundidee noch recht einfach: Bisher war jede Taste fest mit einer Pfeife verknüpft. Dank der Register konnten auch mehrere gleichzeitig Pfeifen angesprochen werden - aber eben vordefiniert, immer die gleichen.

Aufterbeck und Stockl haben die feste Verbindung zwischen Spieltisch und Pfeifen aufgelöst und einen Computer eingeklinkt. Der registriert nun jeden Tastendruck, was er aber an die Pfeifen weiter gibt, hängt von dem Programm ab, das die beiden entwickelt haben. Und davon, was der Organist beabsichtigt.

Der Computer macht aus der Orgel ein neues Instrument

Damit die Erfindung eine runde Sache wird, fehlt noch der richtige Spieltisch. Stöckl und Aufterbeck wollen den Kabelsalat gegen ein ansehnliches Orgel-Cockpit eintauschen. Auch, um Investoren und Käufer besser überzeugen zu können. Doch das ist teuer, 80000 Euro kostet allein der Grundaufbau ohne große technische Finessen.

Vor zwei Jahren haben die beiden Studenten (Ton- und Bildtechnik an der Robert-Schumann-Uni) "Sinua" gegründet. Die Firma hat seitdem drei Orgeln mit - etwas simplerer - Elektronik versehen, darunter den Dom in Speyer. Das entsprach aber bundesweit schon einem Marktanteil von zehn Prozent. Mit dem neuen System rechnen die beiden mit einem internationalen Geschäft.

"Sinua" ist ein Kunstwort, das ein wenig dem finnischen "Für Dich" entlehnt ist und auch nach "Sinus" klingen soll.

Will er zum Beispiel eine Mixtur aus Fagott, Streichern und Hörnern erklingen lassen - die Rede ist natürlich von Pfeifen - dann kann er diese Klangkomposition am Rechner zusammenstellen - und anschließend wie gewohnt auf dem Manual spielen. Vorher festgelegte Register sind überflüssig, jede Kombination ist nun per Mausklick machbar.

"Das hat man damals schon in Paris versucht", erinnert sich Wallenhorst an seine Studienzeit. Doch die Elektrik setzte den Technikern enge Grenzen. Die Ratinger Neuentwicklung sprengt dagegen jede Fessel.

Soll ein Orgelwerk transponiert, also in eine andere Tonart gehoben werden, so verlangte das bisher vom Organisten flinke Finger und einen gelenkigen Geist. Mit dem neuen System braucht es nur noch einen Knopfdruck.

Das könnte auch dazu führen, dass sich Klavierspieler an die Orgel trauen. Die können in der Regel nicht die Fußpedale bedienen - müssen sie auch nicht mehr: Das Programm kann sich zum Beispiel immer den tiefsten, mit den Händen gespielten Ton greifen und um zusätzliche Instrumente erweitern. Und schon klingt ein Pianist fast wie ein Organist.

Eine Errungenschaft des Klaviers wird auch gleich übernommen: die Anschlagdynamik. Je fester die Tasten gedrückt werden, desto lauter klingt der Ton. "Dann kann man zum Beispiel Prokofjews Toccata auf der Orgel spielen", freut sich Wallenhorst.

Neue Musik für de Orgel? Das dürfte nicht nur für die Zuhörer ein Genuss werden, sondern bringt auch die Orgelwelt in Aufruhr. Olivier Latry, Organist im Pariser Notre Dame, war schon da und schwärmt seitdem von der Ratinger Erfindung. Hampus Lindwall, Orgelstar aus Stockholm, hat sich schon angekündigt und der Amsterdamer Orgelpark hat sein Interesse bekundet.

"30 Jahre lang war die Orgelwelt rückwärtsgewandt, das ist jetzt vielleicht ein Schritt nach vorne", meint Aufterbeck. Nicht unwahrscheinlich, dass diese Orgel der Zukunft sogar die Zukunft der Orgel beeinflusst.

Immer neue Anwendungsideen haben die Tüftlern für ihre Technik. Ein simuliertes Echo, das eine große Kirche vorgaukelt? Kein Problem. Eine aufgeteilte Tastatur, die je nach Tonhöhe andere Instrumente anspricht?

Klar, nach Belieben. Von zuhause aus über das Internet die Orgel spielen? Schon eingebaut. Es ist ein ganzer Orgelkosmos, der sich da auftut. "Die Orgel war schon immer etwas für Technik-Begeisterte - das kann sie jetzt wieder sein", meint Wallenhorst.

Anzeige

 

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer