Mara Dehnhardt lebt seit 17 Jahren in Ratingen.
Mara Dehnhardt lebt seit 17 Jahren in Ratingen.

Mara Dehnhardt lebt seit 17 Jahren in Ratingen.

Pierre-Claude Hohn

Mara Dehnhardt lebt seit 17 Jahren in Ratingen.

Ratingen. Ratingen macht sich langsam. Das gibt Mara dann doch zu. Aber das Gefühl, zu Hause zu sein, müsse sich doch irgendwie anders anfühlen, sagt sie. "Klar, ich lebe hier seit 17 Jahren. Meine Familie lebt hier, ich gehe hier zur Schule", sagt sie und hält wieder einen Moment inne. "Aber ich merke schon, dass ich immer wieder in größere Städte flüchte, in Ratingen eigentlich sehr wenig Zeit verbringe", sagt sie dann.

Mit 16 Jahren reist Mara mit ihrem Vater nach Äthiopien

Mit ihren 20 Jahren ziehe es sie immer wieder nach Düsseldorf. Dort hat sie ihre Freunde, dort geht sie am Wochenende abends tanzen. "Ratingen ist nun mal ein Kaff. Aber für ein Kaff ist es echt schön", sagt sie und muss plötzlich über ihre eigenen Worte lachen. In so einem "Dorf" sehe man immer die selben Leute. Das gebe ihr das Gefühl, eingezwängt zu sein.

Mara Dehnhardt ist ein offener Mensch, mag es, neue Menschen kennen zu lernen. "Ich lache viel", sagt sie und nimmt einen Schluck von ihrem Cappuccino. "Vielleicht liegt es nicht einmal an Ratingen an sich. Als Ausländerin fühle mich eigentlich nirgendwo so richtig heimisch." Mara hat äthiopische Wurzeln. Ihr äthiopischer Vorname ist Emawayesch. "Aber Mara ist einfacher", so die einfache Erklärung. Mit drei Jahren wurde sie von ihrem Adoptiv-Vater aus einem Kinderheim nach Deutschland geholt.

Mit 16 Jahren reiste sie noch einmal in ihr Heimatland und machte ein Praktikum in dem Kinderheim, in dem sie damals selbst lebte. Die Eindrücke lassen sie bis heute nicht los. Haben sie auch verändert, sagt sie. "Ich wusste zuvor nichts über das Land, über die Kultur. Erst während und nach der Reise habe ich mich damit auseinandergesetzt." Doch auch in Äthiopien wollte sich das Gefühl von Heimat nicht einstellen. "Du sieht vielleicht so aus wie die anderen. Aber sobald du den Mund aufmachst, merken sie, dass du doch nicht dazu gehörst", beschreibt sie.

Schubladendenken - damit kann Mara überhaupt nicht umgehen

Zurück in Ratingen werden ihr noch andere Dinge bewusst: "Hier gibt es Jugendliche mit afrikanischen Wurzeln, die dich sehen und dich sofort als "Schwester" anquatschen. Das kennen die doch nur aus irgendwelchen Gangster-Filmen und plappern es nach. Das ist so unecht", sagt Mara und zupft ihr Halstuch zurecht. Das hatte sie damals aus Äthiopien mitgebracht. "Ein Schubladendenken ist das", sagt Mara nach einer kurzen Pause. Und damit könne sie überhaupt nicht umgehen. Schließlich müssten sich ja auch keine hellhäutigen Menschen in die Arme schließen, nur weil sie ähnlich aussehen.

Beim Rede-Wettbewerb machte sie den ersten Platz

Heute lebt sie mit ihrem Vater, ihrer kleinen Schwester, einer Stiefschwester und ihrer Stiefmutter in Ratingen-Mitte. Zurzeit besucht sie das Adam-Josef-Cüppers-Berufskolleg, versucht dort, ihr Abi zu machen. "Es steht ziemlich auf der Kippe", sagt sie über ihren Notendurchschnitt. Kaum zu glauben. Denn im November hatte sie bei einem Rede-Wettbewerb ihrer Schule den ersten Platz gemacht. Das Thema des Vortrags hatte sie sich aussuchen dürfen: Nach ihrer Reise nach Äthiopien hatte sie viele Bücher gelesen und war auf das Thema "Beschneidung afrikanischer Frauen" gestoßen.

Mit ihrem Vortrag hatte sie nicht nur ihre Mitschüler beeindruckt, sondern auch das Lehrerkollegium und Vertreter aus der Wirtschaft überzeugt. "Wenn mir etwas Spaß macht, dann kann ich das auch", lautet Maras Erklärung für den Erfolg. Erörterungen oder Interpretationen von Gedichten seien wiederum eine andere Geschichte. "Deutsch ist eines meiner schlechtesten Fächer", gesteht sie. Man nimmt es ihr beinahe nicht ab.

Mara lehnt sich zurück, die Cappuccino-Tasse balanciert sie auf ihrem angewinkelten Bein. "Vielleicht mache ich auch nur das Fach-Abi und gehe nach Berlin", denkt sie laut. Ratingen kann sie nicht halten. "Die Stadt hat verschlafen", beginnt sie nach einer Atempause. Als Jugendliche habe sie sich umorientiert, weil in Ratingen nichts geboten wurde.

Nur Kinderdiskos und Punk-Schuppen habe es gegeben. Alternative Jugendangebote seien bis heute Mangelware. "Langsam macht sich Ratingen aber. Es gibt jetzt mehr Bars und auch Shopping-Möglichkeiten", sagt Mara. Aber für einen Weg zurück sei es jetzt zu spät.

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