Das 23. Neujahrskonzert soll das letzte in der Stadthalle gewesen sein – aber was für eins: Gonzaga, Chung, Angel – die Künstler geben ein großartiges, vierstündiges Abschiedskonzert.

Kultur
Sie bescherten der Stadthalle einen unvergesslichen Abschied (v. l.): Christian Ziegler, Stephen Harrison, Agnieszka Tomaszewska, Marina Vyskvorkina, Thomas Laske, Anke Angel, Otonial Gonzaga und Yikun Chung.

Sie bescherten der Stadthalle einen unvergesslichen Abschied (v. l.): Christian Ziegler, Stephen Harrison, Agnieszka Tomaszewska, Marina Vyskvorkina, Thomas Laske, Anke Angel, Otonial Gonzaga und Yikun Chung.

Stefan Fries

Sie bescherten der Stadthalle einen unvergesslichen Abschied (v. l.): Christian Ziegler, Stephen Harrison, Agnieszka Tomaszewska, Marina Vyskvorkina, Thomas Laske, Anke Angel, Otonial Gonzaga und Yikun Chung.

Wülfrath. Kein letztes Wort mehr. Nur noch ein Blick in die Höhen der Scheinwerfer über der Bühne. Die Zugabe zur dritten Zugabe verklingt: „Time to say goodbye“. Der Applaus brandet auf. Moderator Karl-Heinz Nacke wischt eine Träne aus dem rechten Augenwinkel und tritt ab.

Was für ein Abend! Was für ein Neujahrskonzert! Fast vier Stunden lang wurde der Abschied von der Stadthalle zelebriert – mit Wehmut, ja, aber auch mit großartigen Künstlern und unvergesslichen Momenten.

Und von denen gab es reichlich viele in der mit 450 Besuchern restlos gefüllten Stadthalle, zu viele, als dass alle hier Erwähnung finden könnten.

„I got little hands and small feet. Inbetween there’s female meat.“

Anke Angel im Text von „Let’s do the Boogie Woogie“

„Änderungen des Programms möglich“ – wie eine Verheißung ist es auf dem Zettel nachzulesen. Und mit dem Konzertbeginn wird sie gleich erfüllt: Nicht als Künstler angekündigt, heimlich eingeflogen, um der Stadthalle noch einmal die Ehre zu geben: Otoniel Gonzaga, der so viele große Auftritte während der Neujahrskonzerte hatte.

„Schön ist die Welt“, singt der Tenor und strahlt ins Publikum. Mit Yikun Chung (ebenfalls Tenor) setzt er ein weiteres Glanzlicht: Puccinis „Nessum Dorma“ – anrührend, tränentreibend, großartig.

Das (vermutlich) letzte Neujahrskonzert in der Stadthalle – Anlass genug, in die Geschichte dieser Traditionsveranstaltung zu blicken, die unveränderbar mit dem Namen Karl-Heinz Nacke (Foto) verbunden ist. Auf Anregung des damaligen Bürgermeisters Helmut Kuhnert hatte er für die Stadt die Premierenveranstaltung organisiert. Am Ende fehlten 350 Mark zur Deckung aller Kosten. Die steuerte die Stadt-Sparkasse Wülfrath bei. Die Konzerte 2 bis 23 waren dann zuerst mit der Stadt-Sparkasse und später mit der Kreissparkasse als Veranstalter. Nacke regte jetzt an, aus den ersten 23 Jahren ein kleines Büchlein zu machen. Geschichten und Dönekes gibt es in Mengen.

Auch das macht der Neujahrskonzert der Stiftung der Kreissparkasse Düsseldorf aus. Ein wesentlicher Teil des Erlöses kommt der guten Sache zu Gute. In diesem Jahr gehen 2000 Euro an den Hospizverein Wülfrath. Deren Vorsitzende, Pfarrer Jürgen Buchholz und Diakon Michael Anhut, nahmen aus der Hand von Filialdirektionsleiter Hans Werner Fritze den Scheck entgegen. Seit fast acht Jahren ist die Hospizgruppe in Wülfrath engagiert, seit 2010 als eingetragener Verein. Wie Buchholz vor dem Konzert ankündigte, wird der Verein eine Stelle schaffen. Zudem gibt es 25 ehrenamtliche Helfer. Buchholz: „Hospizarbeit ist was Gutes und Lebendiges.“

Dass mit dem Neujahrskonzert die Geschichte der Stadthalle ein Ende haben soll, sorgt weiter für Verstimmung. Dieser Umstand, von Fritze in seiner Begrüßung erwähnt, wurde mit Buh-Rufen quittiert. „Traurig und wütend“ ist unverändert Bürgervereins-Vorsitzende Adelheid Heiden: „Die Wülfrather wollen den Abriss nicht“, sagt sie und klagt an: „Seit Jahren schon wurde die Halle nicht mehr richtig vermarktet.“ Seniorenrats-Vorsitzende Gertrud Brüggemann stellt in der Pause für sich fest: „Nach diesem Konzert darf die Halle nicht geschlossen werden. Beschlüsse kann man auch zurücknehmen.“

Oder Anke Angel, die promovierte Juristin am Klavier, die mit Gospel und Boogie Woogie die Halle zum Kochen bringt. Die Entertainerin lässt klatschen und mitsingen – und Wülfrath will sie gar nicht von der Bühne lassen.

Oder Bariton Thomas Laske, der zum Beispiel im Duett mit der rassigen Sopranistin Agnieszka Tomaszewska Mozarts Papageno-Papagena-Arie dahin tupft – faszinierend. Oder die aparte Marina Vyskvorkina (Sopran), die mit dem „Kusswalzer“ mit Operndirektor Stephan Harrison anbandelt, der als das „beste Orchester, das auf eine so kleine Bühne passt“ (O-Ton Nacke) die Künstler am Flügel begleitet.

Oder Vater Bernd (Klavier) und Sohn Jonas Gaube (Cello), die Neujahrskonzert-Erinnerungen wach werden lassen. Oder der Wülfrather „Jugend musizier“-Preisträger Christian Ziegler, der ein Dauerbegleiter dieses Konzertformats war. Und immer Chung, der nicht nur mit seinem milden Lächeln und den herzlich-fröhlichen Augen das Publikum begeistert.

„Dein ist mein ganzes Herz“ – das ist der absolute Höhepunkt

Es ist aber „Toni“ Gonzaga, der den Höhepunkt liefert: „Dein ist mein ganzes Herz“. Lehars Großtat fügt er als Zugabe ein Dacapo in pianissimo hinzu, das die Zuhörer vor Rührung schlucken lässt – eine Musik gewordene Liebeserklärung an das Wülfrather Publikum.

Die gemeinsamen Zugaben aller Sängerinnen und Sänger – zum Beispiel „O sole mio“ – werden beinah komplett stehend vom Publikum verfolgt. Und dann ist es doch „Time to say goodbye“ – nicht ohne, dass Karl-Heinz Nacke noch ein Versprechen unter dem tosenden Beifall in der Stadthalle gibt: „Das Wülfrather Neujahrskonzert gibt es weiter. Wann und wo, das wird sich zeigen.“

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