Heinrich Tinnes lebte 20 Jahre in dem Denkmal. Er war der Vergangenheit auf der Spur.

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Für Heinrich Tinnes (unten) war es ein Ausflug in die Kindheit. Gemeinsam mit Projektleiter Udo Misiak ging er auf Erforschungstour durch die Gemäuer und konnte sich erinnern, wie es früher hier aussah.

Für Heinrich Tinnes (unten) war es ein Ausflug in die Kindheit. Gemeinsam mit Projektleiter Udo Misiak ging er auf Erforschungstour durch die Gemäuer und konnte sich erinnern, wie es früher hier aussah.

Simone Bahrmann

Für Heinrich Tinnes (unten) war es ein Ausflug in die Kindheit. Gemeinsam mit Projektleiter Udo Misiak ging er auf Erforschungstour durch die Gemäuer und konnte sich erinnern, wie es früher hier aussah.

Neviges. Es war für Heinrich Tinnes ein Ausflug in die Kindheit: 20 Jahre lebte seine Familie auf Schloß Hardenberg, bis es Graf Wladimir von Marchant und Ansembourg 1939 an die Stadt Neviges verkaufte. Jetzt besuchte der 84-Jährige die ehemalige Wohnstätte und derzeitige Großbaustelle.

Vater Nikolaus Tinnes war 1919 als Jagd- und Forstaufseher des Grafen angestellt und im zweiten Obergeschoß der Wasserburg einquartiert worden. Hier wurde Heinrich Tinnes 1926 geboren, verbrachte seine Kindertage in den herrschaftlichen Räumen.

Vor einigen Wochen überließ der Nevigeser das Rentei-Archiv des Schlosses, das dem Vater vor 76 Jahren im Rahmen seiner Tätigkeit überstellt worden war, dem Stadtarchiv als kleines Dankeschön revanchierte sich für die Sanierung zuständige Fachabteilung Umwelt- und Stadtplanung jetzt mit einer Besichtigungstour durch das Herrenhaus.

Ein Rundgang durch das Schloss der anderen Art

Um es vorweg zu nehmen: Es war für alle Beteiligten - der Führung von Projektleiter Udo Misiak hatten sich auch Denkmalschützer Rainer Helfers und Lokalhistoriker Gerhard Haun angeschlossen - ein höchst interessanter Rundgang, denn Heinrich Tinnes wußte vieles über die Nutzung aus der Zeit vor dem Krieg zu berichten. Zum Beispiel über den einstigen Gaststättenbetrieb: "Hier stand früher der Tresen", erklärt der Senior in der ehemaligen Küche, und im hinteren Teil gab es ein Jagdzimmer.

Dort haben die Arbeiter erst vor kurzem hinter einer Kalksandsteinwand neueren Datums eine neue Überraschung entdeckt: Eine hölzerne Wendeltreppe, die in den Keller hinabführt und deren Alter jetzt bestimmt werden soll. "Vielleicht kann man dieses Baudetail später zur Ansicht hinter Glas stellen", so Misiak.

Wo liegen künftig die Perspektiven von Schloß Hardenberg? Darüber referierte jetzt der Fachbereichsleiter Kultur beim Landschaftsverband Rheinland (LVR), Dr. Norbert Kühn, vor dem Schlossförderverein. Bekanntlich soll die Wasserburg nach Abschluss der Sanierung ein Museum für Alltagskultur im Rheinland beherbergen. Dazu bietet der LVR Beratung für die Einrichtung an. Potential vor Ort sieht Kühn vorhanden, zum Beispiel in der Historie von Kirche und Wallfahrt. Wichtig sei, die Menschen mitzunehmen, die "Akzeptanz vor Ort" für ein solches Projekt zu schaffen. Die Bezeichnung "Museum für Alltagskultur" sieht Kühn nur als Arbeitstitel.

Beim Blick auf die unscheinbare Abstellkammer im Eingangsbereich muss Tinnes schmunzeln: "Da stand damals mein Fahrrad drin." Eine Etage höher erläutert der Senior, wie die Räume früher genutzt wurden. Am Ende des Ganges habe sich die Hauskapelle befunden, berichtet Tinnes. Das ist auch für die Fachleute neu: Dass es eine Kapelle gab, war bekannt, nicht jedoch wo. Während des Kulturkampfes sollen außerdem die Patres aus dem Franziskanerkloster Aufnahme im Schloß gefunden haben.

Im zweiten Obergeschoß liegt die ehemalige Wohnung der Familie Tinnes. Die Zimmer sind hoch, für die damalige Zeit riesig groß: Im Flur bin ich Roller gefahren, so Tinnes. Obwohl die Küche bis auf das nackte Mauerwerk entkernt ist, weiß er noch genau, wo der Ofen stand, damals die einzige Heizung: "Im Winter haben wir angewärmte Ziegelsteine ins Bett gelegt."

Die Steinbank im Schlafzimmer war ein herrlicher Sitzplatz

Auch ans Schlafzimmer kann Tinnes sich gut erinnern. Die noch vorhandene Steinbank in der Fensternische war wegen der Aussicht ein beliebter Sitzplatz. Daneben befindet sich eine Aussparung mit drei Treppenstufen, die vor einer Mauer enden, einst der Weg hinauf ins längst verschwundene Ecktürmchen: "Die Nische war unsere Wäschekammer", so der Senior.

Bedächtig schaut sich Heinrich Tinnes in den einst vertrauten, nun völlig freigelegten Wänden um: Es wird sicher zwei oder drei Tage brauchen, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Auch für Udo Misiak war der Rundgang mit dem Senior ein Erlebnis: "Für mich hat sich manches Puzzlestückchen ins Bild gefügt."

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