1876 wurde der Stenografenverein gegründet. Heute lebt er vom Unterricht des Tastschreibens.

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„Wer stenografiert, spart Zeit“. Eduard Colsman (84) schreibt seine Philosophie auch gleich in Kurzschrift an die Tafel. Er hält den Stenografenverein Langenberg-Neviges durch viel Engagement am Leben.

„Wer stenografiert, spart Zeit“. Eduard Colsman (84) schreibt seine Philosophie auch gleich in Kurzschrift an die Tafel. Er hält den Stenografenverein Langenberg-Neviges durch viel Engagement am Leben.

Simone Bahrmann

„Wer stenografiert, spart Zeit“. Eduard Colsman (84) schreibt seine Philosophie auch gleich in Kurzschrift an die Tafel. Er hält den Stenografenverein Langenberg-Neviges durch viel Engagement am Leben.

Neviges/Langenberg. Ein wenig vermisst Eduard Colsman die alten Zeiten. Früher, so sagt er, wurde das gesellige Leben seines Vereins durch große Feste hervorgehoben. Die Herren warfen sich in ihre schönsten Anzüge, die Damen trugen Cocktailkleider, und man tanzte im Bürgerhaus bis spät in die Nacht hinein.

Seit seiner Gründung als gesellschaftlicher Club im Jahr 1876 hat sich der Stenografenverein unter dem heutigen Namen "Langenberg-Neviges" jedoch stark verändert. Feste gibt es kaum noch, die Mitgliederzahl ist von damals 200 auf 24 geschrumpft. Stenografie steht schon lange nicht mehr im Vordergrund.

"Der Verein lebt heute eher vom Unterricht des Tastschreibens", erzählt Colsman. 1946, seit der Wiedereröffnung nach Kriegsende, ist der gelernte Kaufmann im Verein, übernahm in den ersten Jahren den geschäftsführenden Teil. Seit 1997 ist er erster Vorsitzender. Der 84-Jährige hat sie erlebt, die Veränderungen im Laufe der Zeit, die Aufs- und Abs des Stenografenvereins - und kämpft unermüdlich um sein Überleben.

Altes pflegen und junge Leute für Stenografie-Kurse werben

Bis ins Jahr 1955 lebten die Stenografenvereine Langenberg und Neviges eigenständig, lehrten ausschließlich Stenografie. "Wir kamen an einen Punkt, an dem sich der Stenounterricht allein nicht mehr rechnete", so Colsman. Die Nevigeser machten dicht, der Stenoverein Langenberg übernahm sie.

Der zusammengelegte Verein zog die Notbremse. Er schaffte zusätzliche Schreibmaschinen an, dehnte sein Unterrichtsangebot auf das Tastschreiben aus. "Das Geld konnte dadurch aufgebracht werden, dass der Vereinsvorstand beschloss, die Dozenten nicht mehr zu bezahlen", erklärt Colsman. Bis heute sei dieser Beschluss nicht aufgehoben worden.

Bis in die frühen 70er-Jahre waren drei oder vier Unterrichtsklassen rappelvoll. "Die Bürogehilfinnen mussten damals Stenografie und Tastschreibung beherrschen und legten bei uns ihre Prüfungen ab", erinnert sich der gebürtige Langenberger. Nach und nach verkleinerten sich die Klassen, in ganz Deutschland "purzelten die Vereine", sagt Colsman.

Doch der Verein hat es durch das beherzte Engagement seines Vorstands geschafft, ein beständiges Mitgliederniveau zu schaffen und damit das Überleben des Vereins zu sichern. Bis heute besteht eine Klasse für Stenografie, in zwei weiteren Klassen wird Tastschreibung unterrichtet. Besonderen Wert legt Colsman auf die Zusammenarbeit mit dem städtischen Gymnasium in Langenberg.

Einmal im Jahr hält er Vorträge in den Klassen, um für einen Schreibmaschinen- oder Stenokurs zu werben - mit Erfolg. In der Regel werden nach Colsmans Schulbesuch zehn bis 15 Schüler Vereinsmitglieder.

Die VHS stellt keine Konkurrenz dar

Angst, dass beispielsweise die Volkshochschule eine Konkurrenz darstellen könnte, hat Colsman nicht - ganz im Gegenteil. "Wir arbeiten mit der Langenberger VHS seit Jahren zusammen, lehren mit ihnen sogar unter einem Dach an der Donnerstraße. Wir betrachten uns nicht als Konkurrenten."

Dass Steno heute veraltet oder gar unnötig geworden ist, kann Colsman nicht nachvollziehen. "Es gibt einfach Dinge, die mit Langschrift nicht machbar sind", ist er überzeugt. Da sei zum einen die Sekretärin, die ein wichtiges Telefonat annimmt.

Der Geschäftsmann am anderen Ende hat es eilig, diktiert in Fachbegriffen, was die Vorzimmer-Dame ihrem Chef auszurichten hat. "Da kommt sie ohne Steno gar nicht aus", sagt Colsman. Auch heute noch zählen Sekretärinnen zu den vorherrschenden Berufsgruppen, die beim Verein nach Unterricht in Steno und Tastschreiben auf den vereinseigenen elektronischen Schreibmaschinen anfragen.

Computer besitzt der Verein nicht. Das Tastenfeld der elektronischen Schreibmaschine unterscheidet sich nicht von dem des Computers, ist aber nicht so ablenkungsanfällig. "Gerade für die Schüler ist es gut, dass wir uns auf das Wesentliche beschränken", sagt Colsman mit einem Augenzwinkern.

An einige Vereinsmitglieder und Schüler erinnert sich Colsman noch heute gerne. Da war zum Beispiel eine ausgebildete Tänzerin, die Steno durch unermüdliches Lernen im Eilkurs lernte.

Zu den neuen Schreibmaschinen-Schülern zählt seit Kurzem auch eine Gruppe von Polizisten. Zurzeit besteht daher eigentlich kein Grund zur Sorge, was das Überleben des Stenografenvereins Langenberg-Neviges betrifft. Und doch glaubt Colsman, dass mit seinem Rückzug aus dem Vereinsvorsitz ein Ende bevorsteht. Ans Aufhören denkt der leidenschaftliche Stenograf aber noch lange nicht.

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