Im Haus Bethesda helfen Tiere demenzkranken Menschen, sich zu erinnern und miteinander zu beschäftigen.

Wer will, darf Rudi (r.) und Felix auch bürsten.
Wer will, darf Rudi (r.) und Felix auch bürsten.

Wer will, darf Rudi (r.) und Felix auch bürsten.

Pierre-Claude Hohn

Wer will, darf Rudi (r.) und Felix auch bürsten.

Lintorf. "Hat es geschmeckt?" Die Frau mit den grauen Haaren und den schmalen Lippen beugt sich weit nach vorne zu Felix, ihre Augen sind hellwach. Felix grunzt zufrieden. Offenbar war das Stück Möhre lecker. "Der stellt sich auf meine Zehen!", sagt sie plötzlich.

Nicht böse, eher verblüfft. Dass sie es überhaupt sagt, ist ein kleines Wunder. Denn die demenzkranke Bewohnerin des Bethesda-Hauses spricht sonst wenig. Und nur selten ist sie so präsent, wie in diesem Moment, Auge in Auge mit dem Schwein.

Felix tapst zu Hartwig Horstmann. Der freut sich sichtlich, dass Felix da ist, denn er fühlt sich an seine Jugend erinnert. "Mein Großvater hatte auch Schweine", sagt er zu Daan Vermeulen, dem Herrchen von Felix.

Der Physiotherapeut freut sich, das zu hören, denn das ist eines seiner Ziele: Die Menschen sollen sich trotz ihrer Krankheit an Früher erinnern. Mit den beiden Schweinen ist er in die Demenz-Wohngemeinschaft gekommen, um die Bewohner ein wenig aus ihrem Alltag zu reißen.

Im Haus Bethesda sind Hunde häufiger zu Gast

"Die Schweine meines Großvaters waren aber größer", stellt Horstmann fest. "Ja, Felix und Rudi sind Mini-Schweine, die wiegen nur 50 Kilogramm", erklärt Vermeulen mit breitem holländischen Akzent, der ein wenig an Rudi Carrell erinnert.

Verträumt streicht Hartwig Horstmann über Felixs Borsten und gibt ihm eine Möhre. "Das Fell ist ja gar nicht weich." Kuschelige Haustiere sind in der Demenz-Wohngemeinschaft nämlich keine Seltenheit. "Hunde haben wir öfter hier", sagt Susanne Schmalenberg.

Die Diplom-Sozialpädagogin ist mit dafür zuständig, dass die Bewohner durch die Demenz nicht vereinsamen. Die Tiere sollen helfen, Brücken zwischen den Menschen zu bauen.

"Tiere haben eine unglaubliche Wirkung auf die Menschen hier. Eine Hündin die regelmäßig kommt heißt Alice und unsere Bewohner können sie trotz ihrer der Demenz beim Namen rufen!"

Schweine waren bisher noch nie zu Besuch. "Deshalb durchbrechen sie den Alltag. Die Bewohner fragen sich: Schweine im Haus? Gehören die nicht in den Schweinestall? Und schon gibt es Gelächter und Austausch miteinander. Genau das ist es, was wir fördern möchten."

Auch Abneigung sehen die Therapeuten als positive Reaktion

Bei dem Mann, der die ganze Zeit nur schweigend auf dem Sofa sitzt, hat Daan Vermeulen scheinbar nur wenig Erfolg. "Wollen Sie ihn auch mal füttern?" Der Greis schüttelt das weiße, lichte Haar.

"Das ist doch alles Kinderkram hier!" Susanne Schmalenberg freut sich trotzdem über die Reaktion: "Auch Abneigung ist ein Zeichen von Teilnahme, von Kontakt zu sich selbst."

Als Felix merkt, dass es wohl nichts zu holen gibt, wendet er sich wieder der Frau mit den grauen Haaren zu. "Können sie mal ein Stück abschneiden?" bittet der Therapeut und drückt ihr Möhre und Messer in die Hand.

Eigeninitiative ist gefragt. "Es ist wichtig, dass es dafür einen Grund gibt", erklärt er leise.

Sie hat es geschafft, hält Felix den Happen vor die Nase und sagt: "Schnuff, schnuff, schnuff!" Alles lacht. So weit ist die Frau schon lange nicht mehr aus sich heraus gekommen.

Sie lacht mit - und Felix wirkt sowieso vergnügt. Susanne Schmalenberg ist begeistert: "Das ist toll. Menschen, die sonst nur Kauderwelsch reden, wirken wieder ganz normal."

Zum Abschied grunzt sogar der Therapeut und spaßt: "So, das war ein schweinischer Besuch." Damit weckt er sogar in Hartwig Horstmann den Schalk: "Schwein gehabt", murmelt der.

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