Beim TuS Homberg trainieren ganze Familien gemeinsam Karate Do. Der Respekt vor dem Gegner ist das Wichtigste.

Karate
Neele und ihr Großvater Rudi kämpfen beim Karate Do respektvoll gegeneinander.

Neele und ihr Großvater Rudi kämpfen beim Karate Do respektvoll gegeneinander.

Achim Blazy

Neele und ihr Großvater Rudi kämpfen beim Karate Do respektvoll gegeneinander.

Ratingen. Rudi (73) geht mit dem Holzstock auf seine Enkelin los. Und zwar bedrohlich und ziemlich zügig. Zudem ist die neun Jahre alte Neele etwa einen Kopf kleiner und wesentlich zierlicher als er. Dennoch weiß sich das Mädchen zu wehren. Mit dem linken Arm drückt sie den Stock neben ihren Körper. Mit der rechten Hand greift sie den Holzprügel und dreht ihn, noch in derselben Bewegung, dem Angreifer aus den Händen. Danach lachen beide.

„Jeder macht hier so mit, wie er kann und wie es ihm guttut.“

Gerhard Kupschus, Trainer TuS Homberg

Es ist eine Trainingssituation – kein Ernstfall. „Gut gemacht, Neele. Gehe noch einen Schritt dichter an den Angreifer heran. Dann kannst Du ihn kontrollieren, auch wenn er plötzlich zurückweicht“, sagt Schwarzgurt-Träger und Trainer Gerhard Kupschus. Karate Do – übersetzt: der Weg der leeren Hand – besitzt als fernöstliche Kampfkunst immer noch einen abenteuerlichen Nimbus. Beim TuS Homberg ist es allerdings ein Sport für die ganze Familie.

Hier trainieren der Opa mit der Enkelin oder die Mutter mit dem Sohn. Die Mischung aus Altersgruppen und Leistungsstufen ist eine Herausforderung für Trainer Kupschus: „Jeder macht hier so mit, wie er kann und wie es ihm gut tut. Ich darf leistungsmäßig nicht alle über einen Kamm scheren.“ Er eilt durch die Sporthalle und korrigiert jeden Einzelnen.

Was kaum bekannt ist: Karate Do wird von den meisten Krankenkassen als Gesundheitssport anerkannt. Körperbeherrschung, der Gleichgewichtssinn, ein gutes Auge und mentale Stärke – all das üben die Teilnehmer gleichermaßen. Oberstes Gebot für alle auf der Trainingsstätte ist der gegenseitige Respekt voreinander.

„Damit haben anfangs manche Erwachsene Schwierigkeiten“, schildert Gerhard Kupschus. Zwar verbeugen sie sich vor den Kindern, die viel jünger, kleiner und schmächtiger sind als sie. Aber eher von oben herab. Das ist ein Grund für Kupschus, einzuschreiten. Denn das mit dem Respekt muss jeder lernen, sagt er. Und da an diesem Tag überwiegend langjährige Teilnehmer bei ihm trainieren, entsteht tatsächlich der Eindruck einer eingeschworenen Sportlergemeinde. Was aber bringt eine Mutter dazu, sich mit ihrem Sohn zu raufen?

„Vielleicht war ich es schlicht leid, mir für meinen Mann und meinen Sohn Max immer einen Beutel Tiefkühlerbsen vor die Brust zu halten, damit die ihre Schlagtechniken ausprobieren konnten“, sagt Christine Mandt (44). Also hat sie nach einer Schnupperstunde selbst mit dem Karate Do begonnen. „So trainieren wir als Familie zusammen. Das gäbe es in keiner anderen Sportart.“ Kraft, Beweglichkeit und Muskelaufbau seien zudem ein guter Ausgleich zum täglichen Schreibtisch-Job.

Die Mär vom unbesiegbaren Karate-Kämpfer Bruce Lee, zelebriert mit viel Filmtrick-Technik in einschlägigen Karate-Streifen, ist eher hinderlich für den Zugang zum Kampfsport, warnt Trainer Gerhard Kupschus: „Ich erfrage anfangs immer die Motivation von Neueinsteigern.“

Schon nach kurzer Zeit haben die meisten Kinder und Jugendlichen begriffen, dass es hier nicht darum geht, der Stärkste zu sein. Würde jemand das Erlernte aus seinem Kurs nutzen, um andere anzugreifen – Gerhard Kupschus zögerte nicht: „Der wäre sofort ausgeschlossen. Und zwar für immer.“

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