Kerstin Griese ist unter den SPD-Politikern in NRW wahrscheinlich der größte Pechvogel. Die Bundestagsabgeordnete für den Nordkreis hat das Mandat für Berlin über die Reserveliste um Haaresbreite verpasst.

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Kerstin Griese steht im Moment vor dem Nichts.

Kerstin Griese steht im Moment vor dem Nichts.

Stefan Fries

Kerstin Griese steht im Moment vor dem Nichts.

Ratingen. Nicht einmal fürs Wundenlecken haben sie Kerstin Griese Zeit gelassen. In Berlin tagte am Montag der Bundesvorstand der SPD. Es galt, die derbe Wahlniederlage zu analysieren und die bestenfalls richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Denn in knapp acht Monaten sind Landtagswahlen in NRW. Und in der SPD geht die Angst um, im eigentlichen Stammland der Partei noch mehr Prügel zu beziehen. In solchen Situationen muss Trauerarbeit warten.

Selbst bei ihren politischen Gegnern genoss Griese Respekt

Das gilt auch für Kerstin Griese (42). Sie ist Mitglied des Bundesvorstandes. Am Montag hätte sie womöglich viel lieber in irgendeinem Café gesessen, um in Ruhe nachzudenken. Verstehen, was da am Sonntag geschehen ist. Antworten finden auf die Frage, warum Leistung sich für Politiker nicht in jedem Falle lohnt.

Kerstin Griese ist eine angesehene Politikerin. Sie ist fleißig, sie sucht den Kontakt zu den Menschen in ihrem Wahlkreis, auch wenn gerade keine Wahlen anstehen. Sie bestätigt keines der Vorurteile, das viele Bürger von Abgeordneten haben. Und selbst politische Gegner würdigten das deutlich erfolgreiche Engagement der Ratingerin etwa für die Beratungspflicht vor Abtreibungen von behinderten Kindern..

Am Sonntag zählte das alles nicht. Debatten um Abtreibungen finden heute weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sehr wahrscheinlich haben viele Wähler nie davon gehört. Die Mechanismen funktionieren offenbar sowieso ganz anders. "Ich finde, Leistung muss sich lohnen, auch für Politiker", hatte Griese in der Woche vor der Wahl gesagt, gehofft.

Einerseits hat sich ihre Arbeit gelohnt. "Ich liege gut zwölf Prozent über dem Bundesergebnis meiner Partei", sagte sie, als sie noch um den Einzug ins Parlament zitterte. Während die SPD bundesweit auf 23 Prozent der Zweitstimmen kam, erkämpfte Griese im Wahlkreis Mettmann Nord fast 36 Prozent der Erststimmen.

Der wochenlange Wahlkampf, die zahllosen Veranstaltungen, die Plakate, die Interviews - ganz vergebens waren sie also nicht. Aber zum dritten Sieg im Kampf um das Direktmandat im Wahlkreis 106 haben sie auch nicht geführt.

Dass noch prominentere Genossen auch verloren haben, tröstet nicht

"Um 4 Uhr in der Nacht hat die Landeswahlleiterin festgestellt, dass die NRW-Liste der SPD bis Platz12 zieht", erklärte Griese am Montag. Griese verpasste Berlin um einen Platz auf der Liste. Sie ist der größten Pechvogel ihrer Partei in NRW. Und der Traurigste ist sie auch. Nach Wahl-Debakeln wie dem vom Sonntag fällt so etwas freilich nicht weiter auf. Andere, viel prominentere Genossen als Griese sind doch auch im direkten Vergleich mit der konservativen Konkurrenz gescheitert.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt konnte ihren Wahlkreis in Aachen nicht gewinnen. Und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, vor nicht allzu langer Zeit noch ein gefeierter Star der internationalen Politik, scheiterte im Kreis Mettmann an Michaela Noll von der CDU.

Ein Trost ist das nicht für Kerstin Griese, zumal die beiden Minister auf Platz 3 und 4 der Landesliste perfekt abgesichert waren. Für die studierte Historikerin aus Ratingen stellt sich nun die Frage nach der beruflichen Zukunft.

"Einen Plan B habe ich nicht", sagt sie und hadert immer noch mit dem Schicksal. "Viele Wähler haben Kandidaten von kleineren Parteien auch ihre Erststimme gegeben", hat Griese analysiert. Vor allem auf die Stimmen von Grünen- und Linken-Wählern hatte sie gehofft. Vergebens.

Die nächsten Tage und Wochen stehen im Zeichen des Abschieds

Mit dem Monat Oktober geht auch die Ära Kerstin Griese in Berlin zu Ende. Neun Jahre hat die Tochter eines Pfarrers dort Politik für Familien und Senioren gemacht, war angesehen und hat es bis zum Vorsitz im Bundestags-Ausschuss für Jugend und Familie gebracht.

Nun hat der Wähler die Weichen neu gestellt. Wohin der Zug fährt? "Ich weiß es wirklich noch nicht", sagt Kerstin Griese. Sie werde sich nun Arbeit suchen müssen. "Und außerdem muss ich etwas für meine hervorragenden Mitarbeiter finden."

Zweitwohnung kündigen, Büroräume kündigen - die nächsten Tage und Wochen stehen im Zeichen des Abschieds. Abschied von Berlin, Abschied von Freunden und Bekannten dort. Es ist keine schöne Zeit. "Aber ich bin ein Mensch mit Gottvertrauen. Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich ein Fenster."

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