Die CDU-Bundestagsabgeordnete Michaela Noll will durch Basisarbeit gegen ihren Herausforderer Peer Steinbrück überzeugen.

Kreis Mettmann. Wie sie zu der Ehre gekommen ist, dass Peer Steinbrück sie höchstpersönlich herausfordert, das ist Michaela Noll noch nicht ganz klar. "Ich verstehe nicht, warum Steinbrück sich womöglich von einer Hinterbänklerin abwatschen lassen will", sagt die CDU-Bundestagsabgeordnete für den Süden des Kreises Mettmann.

Das mit der Hinterbänklerin freilich ist ein wenig Koketterie. Und die renommierte Familienpolitikerin Michaela Noll weiß das auch. Aber ein Wahlkampf unter dem Motto "Mini gegen Staatskarosse" ist halt so herrlich medientauglich, dass sie darauf nicht verzichten will. Außerdem regt Steinbrück sich so schön darüber auf.

Der Minister will kein Duell mit einem vermeintlich hoffnungslos unterlegenen Opfer. Es ist immerhin möglich, dass auch Mitleid des Wählers Hand führt, wenn er sich politisch nicht entscheiden kann. Umso genussvoller bemüht das "Opfer" das Gleichnis von David gegen Goliath.

Bundesfinanzminister kontra Familienpolitikerin

Nach sieben Jahren Bundestag kennt die Haanerin das Showgeschäft. Und so ganz falsch ist der Vergleich ja auch nicht. Wann immer Steinbrück im Kreis Mettmann aufkreuzt, sind dunkle Limousinen mit Blaulicht in der Nähe, Polizei sichert den Auftritt des Ministers ab, der so selbst dem desiniteressiertesten Bürger nicht verborgen bleiben kann. Nolls Mini hingegen rollt bisweilen unbemerkt durch das Kreisgebiet, wo Erwachsene oder auch Kinder auf den Besuch aus Berlin warten.

Mini gegen Staatskarosse. Wenn Michaela Noll die Parteimaske fallen lässt, frei redet, unabhängig von Parteiräson, dann wird offenbar, wie schwer die Bürde wiegt, ausgerechnet in diesen Zeiten gegen den Bundesfinanzminister kandidieren zu müssen. Die weltweite Finanzkrise ist in aller Munde, und Steinbrück ist der deutsche Siegfried, der den furchtbaren Drachen bezwingen soll. In so einem Schatten ist eine Familienpolitikerin nicht zu sehen, fürchtet Noll.

In der Tat hat die 49 Jahre alte Berufspolitikerin es in den vergangenen Monaten nicht leicht gehabt. Je mehr Steinbrück sich zum Macher aufschwang, desto unklarer wurde das Bild, das die CDU in der Bundesregierung abgab. Und Kanzlerin Angela Merkel ist mit ihrer Zurückhaltung auch keine echte Hilfe. "Sie muss sagen, wo Deutschland steht, sie muss sagen, wo Deutschland hin muss, und sie muss sagen, wie das geht", fordert Noll von ihrer Parteichefin. "Das ist ihre Aufgabe."

"Mit der Dimension dieser Finanzkrise habe ich nicht gerechnet"

Bisher scheint Steinbruck das Bollwerk gegen die Krise zu sein. Und ausgerechnet der muss im Süden des Kreises Mettmann ein Direktmandat für den Bundestag anstreben. Aber Noll verzagt nicht. Aufgeben kann sie sich auch nicht leisten. Anders als Steinbrück ist ihr kein vorderer Listenplatz sicher, wenn die CDU im März die Reihenfolge festlegt.

Also muss Noll Basisarbeit leisten. Das heißt, sie geht in Kindergärten, steht Bürgern in ihrem Wahlkreisbüro in Mettmann Rede und Antwort, versucht in wenigen Sätzen zu erklären, was in wenigen Sätzen gar nicht zu erklären ist. "Mit der Dimension dieser Finanzkrise habe ich wirklich nicht gerechnet", sagt sie. Und dass in der Bundesrepublik Deutschland ein Wort wie Enteignung einmal salonfähig sein würde, quittiert sie mit einem resigniert wirkenden Kopfschütteln, um im nächsten Augenblick wieder sehr lebhaft zu werden.

Denn, davon ist Noll überzeugt, die viel größere Krise kommt noch. Der demographische Wandel beschäftigt die Politikerin und Mutter. Die Gesellschaft ist ihr noch nicht familienfreundlich genug. Die Ganztagsbetreuung von Kindern muss weiter ausgebaut werden, fordert Noll, weil sie glaubt, dass nur so mehr Frauen ins Berufsleben zurückkehren und Kinder aus Einwandererfamilien besser ausgebildet und integriert werden können. Überhaupt sei Bildung der Schlüssel zur Zukunft Deutschlands. "Ich wüsste nicht, dass Deutschland eine andere Ressource hätte", sagt sie.

Das ist der Moment, in dem der Mini auf die Überholspur wechselt. Auf diesem Terrain ist Michaela Noll zu Hause und Peer Steinbrück allenfalls ein Durchreisender. Bildung, Familienpolitik, Kampf um Respekt vor Hauptschulen und Hauptschülern - das sind die Themen, mit denen Noll beim Wahlvolk immer gepunktet hat.

Umso bedauerlicher findet sie, dass sehr wahrscheinlich die Wirtschaftskrise den Wahlkampf bestimmen wird. Das heißt allerdings nicht, dass die Haanerin ihrem prominenten Konkurrenten aus Bad Godesberg den Vortritt lassen will. Abgerechnet wird am 27. September. Und es wäre nicht das erste Mal, dass ein Mini einer Karosse davonfährt.

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