Bis zum Ende des Jahres sind 150 neue Asylbewerber angekündigt. Dabei hinkt die Stadt bei der Zahl der Sozialarbeiter schon heute den selbstauferlegten Standards hinterher. Jetzt will die Politik nachbessern.

Bis zum Ende des Jahres sind 150 neue Asylbewerber angekündigt. Dabei hinkt die Stadt bei der Zahl der Sozialarbeiter schon heute den selbstauferlegten Standards hinterher. Jetzt will die Politik nachbessern.
Die ersten Asylbewerber sollen am 17. Oktober in die neu errichteten Häuser einziehen.

Die ersten Asylbewerber sollen am 17. Oktober in die neu errichteten Häuser einziehen.

Achim Blazy

Die ersten Asylbewerber sollen am 17. Oktober in die neu errichteten Häuser einziehen.

Wülfrath. Sozialarbeiterin Jessica Duschke-Wichelhaus sagte es dem Sozialausschuss ganz deutlich: „Man merkt jetzt schon, dass wir kaum noch hinterherkommen.“ Sie spricht von ihrer Arbeit als Flüchtlingsberaterin bei der Stadt. Duschke-Wichelhaus bekleidet derzeit die Hälfte einer besetzten Stelle. In Kürze wird die städtische Flüchtlingshilfe noch einmal um eine 0,5-Stelle aufgestockt. Ob das reichen wird? „Ich glaube nicht“, sagte die Sozialarbeiterin.

73,4 Prozent der Wülfrather Flüchtlinge sind männlich

Am Ende hoben die Fraktionen im Fachausschuss die Hände dafür, die städtische Flüchtlingshilfe um weitere 1,5 Planstellen zu erweitern. Der Druck auf die Stadt steigt vor allem, weil sich nach einer Zuweisungspause die nächste Flüchtlingswelle abzeichnet.

Sozialamtsleiter Mike Flohr präsentierte die Zahlen. Aktuell leben 220 Flüchtlinge im Stadtgebiet. Mit der Bezirksregierung ist vereinbart, dass bis Dezember 150 weitere Asylbewerber nach Wülfrath kommen. Eine Erleichterung für die Verwaltung, denn ursprünglich waren 300 Neuzuweisungen angekündigt. Flohr: „Damit wären wir heillos überfordert gewesen.“

150 – das gehe, denn jetzt werden sukzessive die Reihenhäuser an der Fortunastraße fertig. „Nach Möglichkeit werden uns zahlenmäßig passende Familien zugewiesen“, so Flohr. Genau diese sollen dann in die neuen Unterkünfte einziehen. Die Familienquote lockert die Struktur in Wülfrath auf. Derzeit besteht nämlich ein großes Ungleichgewicht: 73,4 Prozent der Flüchtlinge vor Ort sind männlich, das Durchschnittsalter ist mit 25,1 Jahren sehr niedrig. Weitere Kennzahlen: 29 Nationalitäten kommen in Wülfrath unter, die größte Gruppe stellen die Syrer dar, die mittlere Verweildauer liegt bei 14,4 Monaten.

Flohr wagte auch den Blick in die Zukunft. Ende des Jahres rechnet die Stadt – Abgänge miteinberechnet – mit rund 280 Flüchtlingen. „Was 2017 ist, wissen wir nicht“, so der Sozialamtsleiter. Eine Prognose gibt es trotzdem. Kommen in der Woche im Schnitt 2,5 neue Asylbewerber in der Stadt an, wohnen Ende des kommenden Jahres 342 Flüchtlinge in der Stadt. Wachsen die Zuweisungen auf 7,5 Menschen pro Woche, dann liegt diese Zahl bei 472.

Fraktionen sind sich einig: Quote muss eingehalten werden

Vor diesem Hintergrund diskutierten die Fraktionen erneut die selbstauferlegten Flüchtlingsstandards, die eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und Flüchtlingshilfe im vergangenen Jahr erarbeitet hatte. Teil dieser Standards ist folgender Personalschlüssel: Auf 120 Flüchtlinge soll ein Sozialarbeiter kommen. Dieser Rechnung liegt die Annahme zugrunde, dass 60 Minuten Arbeitszeit pro Flüchtling im Monat ausreichend sind.

Das Nachrechnen ist derzeit leicht: Noch liegt die reale Quote bei einer Stelle für 220 Menschen. Selbst mit der Aufstockung auf 1,5 Stellen ist der Standard nicht erreicht – dabei werden die Flüchtlinge jede Woche mehr. Wolfgang Peetz, Fraktionschef der Wülfrather Gruppe, knüpfte an seine Kritik aus der Ratssitzung an: „Ich fordere erneut, dass die 1 zu 120 mindestens eingehalten wird.“ Er führte zudem an, dass Pro Asyl sogar eine Quote von 1 zu 80 empfiehlt, bei besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen sogar 1 zu 40 nahelegt.

Über die zwingende Einhaltung der Leitlinien gab es keinen Dissens. „Eine Unterschreitung geht gar nicht“, sagte Angela Nadolski von der SPD. Auch für Ausschussvorsitzenden Andreas Seidler (CDU) war die Sache klar: „Eigentlich ist das einfach. Wir haben das beschlossen, jetzt besetzen wir nach.“

Sozialdezernentin Michaele Berster erklärte, warum bislang nur in zögerlichen Schritten ausgeschrieben wurde: „Wir sind so gewohnt zu sparen, dass wir erst vorsichtig waren.“ Kämmerer Rainer Ritsche erklärte: „Wir sehen ja auch das Risiko, dass die Zahlen wieder runter gehen.“

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