Vor allem Frauen greifen bei Alltagsstress schnell zu Pillen

Ein Vortrag beschäftigt sich am kommenden Donnerstag bei der Suchtberatung in Wülfrath mit dem Thema Suchtvorbeugung.

Vor allem Frauen greifen bei Alltagsstress schnell zu Pillen
Foto: DAK/Wigger

Wülfrath. Es ging ihr schlecht. Kein Tag verging ohne diese Angst, die sie ans Haus fesselte. Wochenlang ging das nun schon so, an Arbeit war nicht zu denken. Stattdessen mussten alle Rücksicht nehmen: Der Mann, die Kinder und längst auch die Freunde. Im Supermarkt einkaufen? Zu laut, zu viel Stress, zu lange Schlangen an der Kasse. Und dann dieses ständige Schwindelgefühl und die Furcht davor, gleich irgendwo umzukippen. Silke S. (34, Name von der Red. geändert) war zum Schatten ihrer selbst geworden. Bis es irgendwann einfach nicht mehr ging. Mit letzter Kraft schleppte sich die Mutter zweier Kinder zum Arzt — und der verschrieb ihr Beruhigungsmittel.

Schon nach der ersten Tablette wurde alles besser. Wie von Geisterhand verschwand die Angst, der Griff zur Pille wurde zur Gewohnheit. Längst konnte die Verführte nicht mehr ohne. Und bald schon reichten die Verschreibungen des Neurologen nicht mehr, um die üblen Gefühle in Schach zu halten. Wo bekomme ich Tabletten her? Das war längst zur größten Sorge geworden. Fortan ließ sich Silke S. auch vom Hausarzt die Seelentröster verschreiben. „Mother’s little helper“ — schon die Rolling Stones haben es besungen: Eine kleine Pille, die Mütter das hektische Leben wuppen lässt.

Mit üblen Folgen, wie auch Katja Neveling weiß: „Bundesweit sind 1,9 Millionen Menschen abhängig von Medikamenten.“ Die Leiterin der Caritas-Suchthilfe in Wülfrath kennt Schicksale wie das von Silke S. und berichtet aus der Erfahrung mit Medikamentenabhängigen, wenn sie sagt: „Die schleichende Entwicklung zur Sucht kann oft lange verborgen werden. Solange Nachschub durch das Rezept vom Arzt vorhanden ist und keine körperlichen oder psychischen Schäden sichtbar werden, bleibt die Abhängigkeit für die Umwelt unsichtbar.“

Vor allem für Frauen ist Medikamentenabhängigkeit als „stille Sucht“ ein großes Problem. Die eine versucht, mit dem Griff zur Pillenschachtel dem beruflichen Stress zu entrinnen. Die andere ist mit Haushalt, Kindern und nörgelndem Ehemann überfordert. Manchmal sind es rasende Kopfschmerzen, ein anderes Mal die nicht enden wollende Trauer nach einem Schicksalsschlag.

Experten wissen: Frauen greifen zu Tabletten und Männer lieber zum Doppelkorn. Hinzu kommt auch, dass Frauen häufiger mit ihren Problemen zum Arzt gehen als Männer. Und der gerät nicht selten unter Druck, schnell eine medikamentöse (Er-)Lösung zu präsentieren. Es genügt ein Blick auf die Statistiken der Krankenkassen, um zu wissen, das Schlaf- und Schmerzmittel zuweilen recht unkritisch verordnet werden.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass manche Ärzte leichtfertig Beruhigungsmittel verordnen und zu wenig über das Abhängigkeitspotenzial der Medikamente aufklären“, sagt Katja Neveling. Die Folgen haben dann diejenigen zu tragen, die mit den Auswirkungen einer Medikamentenabhängigkeit zu kämpfen haben.

Am Donnerstag findet in der Wülfrather Suchtberatung, Nordstraße 2a, von 19 bis 21 Uhr die Veranstaltung „Gesundes Frauenleben — Suchtvorbeugung“ zum Thema Medikamentenabhängigkeit statt. Die Sprechstunde findet donnerstags von 14 bis 18 Uhr statt. Kontakt: 02058/780 20.

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