Elke Voss und ihre Familie nahmen Clement Opoku Appiah nach seiner Flucht bei sich in Düssel auf. Der 20-jährige Ghanaer wohnte ab Sommer 2015 bei ihnen im Haus. Doch aus Angst ging er wieder.

Clement Opoku Appiah machte in einer Wuppertaler Firma eine Ausbildung zum Maler und Lackierer.
Clement Opoku Appiah machte in einer Wuppertaler Firma eine Ausbildung zum Maler und Lackierer.

Clement Opoku Appiah machte in einer Wuppertaler Firma eine Ausbildung zum Maler und Lackierer.

Elke Voss half dem jungen Ghanaer bei Behördengängen und beim Deutschlernen. Archivfotos (2): Janicki

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Clement Opoku Appiah machte in einer Wuppertaler Firma eine Ausbildung zum Maler und Lackierer.

Wülfrath. Er kam mit einem kleinen Rucksack. Und er ging auch wieder nur mit einem kleinen Rucksack. Anders als bei seiner Ankunft hatte Clement Opoku Appiah bei seinem Abschied im Juni aber 2000 Euro in der Tasche. Die hatte sich der 20-jährige Ghanaer in den Monaten zuvor als Maler- und Lackierer-Azubi in einem Wuppertaler Handwerksbetrieb redlich verdient. Geld, das er auf seiner erneuten Flucht durch Europa dringend nötig hat. „Wir hören über andere Ghanaer, dass er wohl Hals über Kopf nach Italien geflohen ist, weil er hofft, dort bleiben zu können“, sagt Elke Voss. Er hat Angst. Große Angst davor, in seine afrikanische Heimat abgeschoben zu werden. Deshalb packt er an dem Juni-Morgen in seinem Zimmer im Haus von Familie Voss in Düssel seine Tasche mit ein paar Habseligkeiten, holt sein erspartes Geld vom Konto und geht zur Bushaltestelle. „Da verliert sich seine Spur“, erzählt Elke Voss.

Ihre Familie lebt in Düssel und hat den jungen Mann im Sommer 2015 in ihrem Haus aufgenommen. Die elf Monate danach erzählen vielleicht mehr über die Schwierigkeiten der Integration von Flüchtlingen als dicke Akten im Ausländeramt. „Ihn hat die Angst gepackt, dass er zurück nach Ghana muss. Die Mitarbeiterin bei der Ausländerbehörde hat die Lage bedrohlich geschildert“, sagt Voss. Die Rechtslage sollte vollzogen werden. Dabei gab es keinen Grund, Clement Opoku Appiah zurück in seine Heimat zu schicken, denn der junge Mann war auf dem besten Wege, sich zu integrieren.

Behörden lehnten Verhalten der Familie anfangs kategorisch ab

Die Düsselerin hat mit Ehemann Thomas und Tochter Melissa den Ghanaer im Sommer vergangenen Jahres aus der Notunterkunft in Vohwinkel geholt. Seitdem lebte er bei ihnen. Die Familie bürgte für ihn. Die Behörden hatten dieses Verhalten anfangs kategorisch abgelehnt und erklärt, er müsse in die Flüchtlingsunterkunft zurückkehren. Doch die Familie schaffte es mit kooperierenden Behörden im Kreis und mit der Stadt Wülfrath, dass der damals 19-Jährige bei den Voss’ leben konnte.

Clement Opoku Appiah lernte in den ersten Monaten mühsam Deutsch, um sich eine Grundlage für ein Leben in Deutschland aufzubauen. „Ich weiß, dass das wichtig ist, wenn ich hierbleiben will“, erzählte er damals. Im Herbst 2015 begann er seine Ausbildung bei einem Wuppertaler Maler- und Lackiererbetrieb. Der junge Afrikaner ist sehr zurückhaltend in Gesprächen, erzählt sein Meister Frank Feistel heute. Seine Arbeitsleistungen waren aber exzellent.

Härtefallklausel hätte ihm den Abschluss der Lehre garantiert

Nachdem Opoku Appiahs Leben monatelang auf der Kippe stand, hatte er jetzt eine Perspektive. „Er kann eine Lehre machen ohne Angst zu haben, ausgewiesen zu werden“, sagte Elke Voss im Spätherbst 2015. Dachte sie. „Jetzt sollen ja viele Menschen aus Ghana konsequent abgeschoben werden“, weiß sie heute. Doch mit der Härtefallklausel hätte er seine Ausbildung fertigmachen können. Erst dann wäre neu entschieden worden.

Vor drei Jahren flieht Opoku Appiah aus seiner Heimatstadt Kumasi. Die Eltern waren gestorben. Sein 22-jähriger Bruder kann nicht mehr das Schulgeld für drei Geschwister bezahlen. Clement muss seine Familie verlassen. Seine jüngeren Geschwister, zwölf und 14 Jahre alt, leben inzwischen bei einer Pflegefamilie in Ghana. Der junge Afrikaner flüchtet durch die Wüste über das Mittelmeer, schlägt sich bis Bulgarien durch, wo er ins Gefängnis geworfen wird. Schließlich gelangt er nach Deutschland.

Vor knapp einem Jahr lernt Voss, die in der Freien Evangelischen Gemeinde in Vohwinkel engagiert ist, den jungen Mann kennen. Die Familie lädt den jungen Afrikaner zu sich nach Hause ein. „Ich fand endlich wieder Ruhe“, bestätigte Opoku Appiah damals. Morgens um sechs Uhr, bei jedem Wetter, steht der junge Mann täglich an der Haltestelle in Düssel und wartet auf den Bus, der ihn nach Wuppertal zu seiner Ausbildungsstelle bringt. 100 Euro seines Ausbildungsgeldes schickt Opoku Appiah jeden Monat für die Ausbildung seiner beiden Geschwister nach Ghana. Den Rest spart er. 2000 Euro hat er schließlich auf dem Sparkonto.

Dann aber ist er weg. „Als ich nach Hause kam, wunderte ich mich, dass der Schlüssel im Flur lag“, sagt Voss. Das Zimmer ist wie immer, die gesamte Kleidung liegt im Schrank. Nur das Foto eines Bruders und der Schwester, die am Bett standen, hat er eingepackt. „Ich hatte lange daran zu kauen, wie er gegangen ist“, erzählt Voss. Keine Ankündigung, keine Begründung, kein Tschüss. Sein Chef Frank Feistel fühlt sich ebenfalls verletzt, hat es aber nicht bereut, ihm als Azubi eine Chance gegeben zu haben: „Ich würde es wieder tun, denn dazu waren die Erfahrungen mit Clement zu positiv.“

Erst nach drei Monaten wurde sein Zimmer wieder zurückgebaut

Jetzt ist Opoku Appiah wieder auf der Flucht, diesmal vor den Asylgesetzen. „In Italien erhofft er sich anscheinend bessere Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung“, schätzt Voss. Sein Handy ist ausgeschaltet, das Facebook-Profil gelöscht. Elke Voss hat lange gebraucht, die neue Situation anzunehmen. „Ich habe erst nach drei Monaten sein Zimmer wieder zurückgebaut.“ Ein Stück weit loslassen habe sie lernen müssen, gibt sie zu.

Elke Voss bereut nichts. Sie würde immer wieder einem Flüchtling helfen. Nur noch wenig erinnert im Haus der Familie an den jungen Ghaner. Ein Foto auf der Wohnzimmerkommode, sonst nichts. Doch irgendwie ist Clement Opoku Appiah immer noch zuhause in Düssel. „Wenn einer von uns ins Zimmer geht, sagt er noch immer, er gehe in ,Clements Zimmer‘.“ Aber der ist nach elf Monaten einfach weg. Mit einem kleinen Rucksack und seinen ersparten 2000 Euro.

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