Die Sommer-Serie der Westdeutschen Zeitung: „Neue Steine des Glaubens“ lädt zur Wiederentdeckung des Baus moderner Kirchen, Synagogen und Moscheen ein, die oft zu Unrecht im Schatten mittelalterlicher Dome stehen.

Eröffnet wurde die Merkez-Moschee in Duisburg 2008 und wird aufgrund der schnellen Bauzeit auch „das Wunder von Marxloh“ genannt.
Eröffnet wurde die Merkez-Moschee in Duisburg 2008 und wird aufgrund der schnellen Bauzeit auch „das Wunder von Marxloh“ genannt.

Eröffnet wurde die Merkez-Moschee in Duisburg 2008 und wird aufgrund der schnellen Bauzeit auch „das Wunder von Marxloh“ genannt.

Im Essener Stadtteil Südostviertel steht die nach den Plänen von Otto Bartning 1929 errichtete Auferstehungskirche.

Der kristallin geformte Marienwallfahrtsdom in Velbert-Neviges: Die von Gottfried Böhm entworfene Kirche konnte 1968 eingeweiht werden und ist die größte Kirche im Erzbistum Köln nach dem Kölner Dom.

Zwischen Tankstelle und Raststätte an der A 57 bei Dormagen steht die 1976 eröffnete Autobahnkapelle St. Raphael.

Die Synagoge der jüdischen Kultusgemeinde in Wuppertal wurde 2002 eingeweiht.

Nachdem der Ursprungsbau im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, stellte man 1954 die Rochuskirche in Düsseldorf-Pempelfort fertig.

dpa, Bild 1 von 6

Eröffnet wurde die Merkez-Moschee in Duisburg 2008 und wird aufgrund der schnellen Bauzeit auch „das Wunder von Marxloh“ genannt.

Düsseldorf. Am 4. September 2017 feiert Köln ein Jahrhundertereignis: Vor 175 Jahren legte Friedrich Wilhelm IV. von Preußen auf der Südseite des Kölner Doms den zweiten Grundstein der Hohen Kirche. Mit feierlichen Akt begann innerhalb von 38 Jahren die Vollendung der letzten bedeutenden mittelalterlichen Kathedrale Deutschlands; das war 1880. Während der Kölner Dom jährlich rund sechs Millionen Besucher anzieht, fristet eine architekturgeschichtlich weitaus bedeutendere Gruppe von Sakralbauten eher ein Schattendasein: Mit rund 1200 Kirchen und Kapellen hält das Rheinland den Weltrekord an Gotteshäusern aus der Moderne.

Serie

Kirchen in NRW

In keiner zweiten Region der Welt wurden nach 1918 so viele - und so viele bedeutende - Kirchenbauten errichtet wie im Herzen Nordrhein-Westfalens. Einige davon sind Gebäude von Weltgeltung - und dennoch sowohl nahezu unbekannt wie auch heutigen Besuchern in ihrer Bedeutung nahezu unverständlich. Ein gutes Beispiel dafür ist der Marienwallfahrtsdom in Velbert-Neviges, errichtet von Gottfried Böhm in den Jahren 1964 bis 1968. Baulich modern daran war die bis heute abenteuerlich anmutende Beton-Konstruktion, damals an der Grenze des technisch Möglichen.

Revolutionär aber war, dass Böhm eine Kirche nach den neusten Gottesdienst-Vorstellungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) schuf: Die Grenze zwischen Kirche und Vorplatz hob Böhm dadurch auf, dass sich die Pflasterung des Platzes im Bodenbelag der Kirche fortsetzte und sie anfangs auch mit Straßenlaternen im Innern beleuchtet wurde. Dort schuf Böhm eine Art Piazza, die nun das Wort in den Mittelpunkt des Gottesdienst-Geschehens stellte, während in den alten Kirchen der Priester vor dem Hochalter große Teile der Messe mit dem Rücken zu den Gläubigen gefeiert hatte. Dazu symbolisierte die zeltartige Form des Baus das Selbstverständnis der sich erneuernden Kirche auf dem Weg. Es ist heute kaum noch vorstellbar, welchen Schock der Architekturprofessor Rudolf Schwarz 1930 mit dem Bau der vielleicht bedeutendsten modernen Kirche des Rheinlands, St. Fronleichnam in Aachen auslöste. Wer die Geschichte des Gebäudes nicht kennt, wird sich leicht mit einer modernen Kirche aus den 50er oder 60er Jahren verwechseln. Schwarz setzte auf (heute klassische) gerade Formen und auf Beton. Mitten in einem Arbeiterviertel entstand ein Gotteshaus, an dessen Stirnseite kein Hochaltar, kein Kirchenschmuck, nicht einmal ein Bild zu sehen war - sondern eine weiße Betonwand als Krönung eines sakralen Raums ohne jedes Ornament.

St. Fronleichnam als kompromissloser Architekten-Bau steht aber auch symbolisch für die Konflikte zwischen Baukunst und Gemeindebedürfnissen. Es war nicht Dankbarkeit, die der Kirche im Aachener Volksmund den Spitznamen „Sankt Makei“ eintrug. Das Wort aus dem Öcher Platt bedeutet „Quark“, weil die Aachener (als Kirchen-Muster gilt dort der Dom und sonst nichts) fanden, Schwarz’ kubische weiße Kirche ähnele mehr einer umgestürzten Packung Speisequark als einem Gotteshaus.

Gesellschaftlicher Wandel im öffentlichen Raum

Die WZ-Serie „Neue Steine des Glaubens“ stellt rund 30 moderne Gotteshäuser und ihre Geschichten in den kommenden Sommer-Wochen vor. Dabei wird es nicht immer fromm zugehen. An kaum einem anderen Gebäudetyp - sei es als christliche Kirche, jüdische Synagoge oder muslimische Moschee - lässt sich der gesellschaftliche Wandel im öffentlichen Raum über die Zeiten so gut architektonisch ablesen wie an den Gotteshäusern. Denn immer antworteten die Architekten auf die wichtigen Themen ihrer Zeit. Nach dem Ersten Weltkrieg suchten die christlichen Kirchen ihren Weg in die neue Zeit einer zerbrechlichen Republik, der ihr Kaiser davongelaufen war. In den zwölf Jahren der Nazi-Zeit wurden nur wenige Kirchen gebaut.

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs gab innerhalb weniger Jahrzehnte allein im Rheinland rund 2500 Bauprojekte. Viele davon waren einfachste Notkirchen, von denen sich einige bis heute erhalten haben. Die Vielzahl der Nachkriegs-Kirchen stellen die beiden großen christlichen Konfessionen auch vor Probleme: Die Evangelische Kirche im Rheinland muss bei sinkenden Mitgliederzahlen den Unterhalt für 1225 Kirchen und Kapellen stemmen; knapp 600 Gemeindezentren nicht mitgezählt. Allein das katholische Erzbistum Köln unterhält 800 Kirchen und 400 Kapellen und Filialkirchen. Wo Gemeinden sich entscheiden müssen, fällt es Denkmalpflegern regelmäßig schwer, eine Lanze für die modernen und oft ungeliebten Gebäude zu brechen.

Während der Boom des modernen Kirchenbaus Ende der 70er Jahre (weitgehend) zum Erliegen kam, sehen jüdische und muslimische Gemeinden vor die Herausforderung gestellt, neue Gotteshäuser schaffen zu müssen. Als Deutschland ab 1990 Juden aus den früheren Sowjetrepubliken als sogenannte „Kontingentflüchtlinge“ aufnahm, wurden erstmals wieder - wenn auch in kleiner Zahl - neue Synagogen gebaut, sehenswerte Beispiele von hoher gestalterischer Qualität wurden in Wuppertal und Krefeld errichtet. Gleichzeitig verließen die muslimischen Gemeinden ihre oft unwürdigen Hinterhof-Moscheen und bauten mit neuen Gotteshäusern Zeichen ihre Bleibens. Gerade die Gestaltung von neueren Moscheen macht baulich erfahrbar, dass der Prozess der Integration noch längst nicht abgeschlossen ist.

Paralleler Wandel von Architektur und Bedarf

Gerade die Geschichte des modernen Gotteshaus-Baus macht sichtbar, dass jede Zeit sich eigene Gebäude für religiöse Bedürfnisse schafft, deren Kern sich weniger verändert als ihre gestalterische Erscheinung. 1956 stiftete der Augsburger Papierfabrikant Georg Karl Maria Haindl (1914-1970) eine Kirche, die es so noch nicht gab: An der A 8 von München nach Stuttgart ließ er bei der Anschlussstelle Adelsried die erste „Autobahnkirche“ Deutschlands errichten. Haindl vermisste auf seinen Geschäftsreisen einen solchen Ort für die Bitte um Schutz und Hilfe sowie einen Moment der Ruhe. Wirklich „neu“ war an der „Autobahnkirche“ (heute gibt es 42 in Deutschland, die jährlich rund eine Million Besucher haben) eigentlich nichts: Sie ersetzte im Zeitalter der Motorisierung lediglich die Wegkreuze und Kapellen am Wegesrand der zurückliegenden Jahrhunderte.

Anzeige

 

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer