Die Römer von Haus Bürgel verschanzten sich gegenüber der germanischen Umwelt. Das haben Archäozoologen herausgefunden.

Monheim. Ein Puzzle aus immerhin 17 000 Teilen, das muss man erst mal zusammensetzen. Und wenn es sich dabei um Tierkochen handelt, von der Fischgräte bis zur Rinderrippe, dann wird es besonders knifflig. Doch im Falle von Haus Bürgel in Monheim hat es die Forschung geschafft, aus 17 000 Knochenfunden ein Bild zu ermitteln über das Leben in dem Römerkastell vor rund 1700 Jahren. Davon berichtete jetzt Nadine Nolde, Archäologin vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Uni Köln. Für den Vortrag im Römischen Museum Haus Bürgel hatte die 34-Jährige allerlei Knochenfunde und -modelle in ihren Smart gepackt. So konnten die Zuhörer in die Hand nehmen, woraus die „Archäozoologie“, die Lehre von alten Tieren, ihre Schlüsse zieht. Besondere Hingucker: die Schädel, auch wenn sie gar nicht von Haus Bürgel stammen, sondern von anderen Römerstätten wie Krefeld-Gellep. Darunter ein Biber („galt als Delikatesse“), ein Pekinese („Hunde und Katze waren als Schlachttiere tabu, ebenso Pferde“) und ein Esel. Dass das Langohr in dem damals linksrheinisch gelegenen Kastell lebte, ist wahrscheinlich, aber nicht bewiesen. Unter den Funden findet sich nur ein Fragment von „Equus asinus“ – und das könnte auch vom Pferd stammen.

Ans Tageslicht befördert wurden die Tierknochen überwiegend bei drei Grabungskampagnen in und an dem 64-mal-64-Meter-Quadrat, auf dem die Römer das Kastell um 310 n. Chr. errichteten. Auf diesen Untersuchungen (1993 bis 1995) fußt die veterinärmedizinische Dissertation von Simone Stein über „Viehhaltung, Jagd und Fischfang im ,Haus Bürgel’“ (München 2000), auf deren Grundlage Archäologin Nolde jetzt das fertige Puzzlebild beschrieb.

Die römischen Bewohner setzten ganz auf Selbstversorgung

Demnach haben sich die Legionäre auf Haus Bürgel gegenüber der germanischen Umwelt „verschanzt“, wie Nolde erklärte. „Man setzte ganz auf Selbstversorgung. Aufgrund des unsicheren Wegenetzes dürfte kaum Handel stattgefunden haben.“ Dies schließt die Forschung aus den mehr als 5000 gefundenen Rinderknochen. „Die Rinder waren auffällig groß“ – deutlich größer als das Vieh der Germanen, die nicht die Zuchttradition der Römer besaßen. Somit gab es keine Durchmischung der Rinder, die die Legionäre aus Italien über die Alpenpässe mitgebracht hatten, mit den Artgenossen der Germanen. Abschottung also.

Eine plausible Erklärung angesichts der unsicher gewordenen Grenzen des Römischen Reiches. Denn nach Alamannen- und Frankeneinfällen seit 259 n. Chr. war Bürgel ja gerade als Glied einer ganzen Kastellkette zwischen Xanten und Köln errichtetet worden. 369 wurden weitere Kastelle errichtet, 411/13 gaben die Römer ihre Grenzverteidigung am Rhein auf. Aus der Zeit danach finden sich folglich auch wieder Knochen kleinerer Rinder bei Haus Bürgel.

Ein weiterer Hauptfleischlieferant für die rund 150 Legionäre und ihren Anhang – mindestens 300 Menschen – waren Schweine. Mehr als 7000 Knochenfunde zeugen davon. „Die meisten Schweine erreichten das ideale Schlachtalter von einem bis anderthalb Jahren“, erklärte Nolde und erinnerte an die bis heute gültige Faustregel: „Ein gutes Schwein muss einmal Weihnachten und einmal Geburtstag gefeiert haben.“ Die Tiere waren kräftig, die Futtersituation demnach gut. In der Aue konnten sie sich dick und rund fressen.

Schafe und Ziegen spielten eher eine untergeordnete Rolle

Eine untergeordnete Rolle spielten hingegen Schafe und Ziegen. Die Liebe der Baumberger zur „Kuh des kleinen Mannes“, sie ist erst für gut anderthalb Jahrtausende später verbürgt. Die Baumberger „Hippegarde“ ist ein Überbleibsel dieser Zuneigung. Auch Geflügel und Wildtiere belegen im Knochen-Ranking nur maximal Mittelfeldplätze. Immerhin lassen sich auch Braunbär und Elch nachweisen. Wobei die Kenntnisse über das Schwedentier eher unterentwickelt waren. Jedenfalls galt dies noch zu Cäsars Zeiten (starb 44 v. Chr.), aus dessen „Gallischen Krieg“ die Archäologin zitierte. Danach haben Elche keine Kniegelenke. Unfähig sich hinzulegen, lehnen sie sich zum Schlafen gegen Bäume. „Da hat man dem guten Cäsar offenbar einen Elch aufgebunden“, so Nolde.

Fischknochen aus römischer Zeit wurden auf Bürgel ebenfalls nur wenige gefunden. Ob Lachs, Barbe oder Stör, keine Art schafft es auch nur auf zehn Fragmente. Aber das heißt nichts, schließlich dürfte das meiste vermodert sein. Beschwerden von Legionären andernorts („Jeden Tag immer nur Lachs“) lassen jedenfalls auf eine reichen Fischbestand des Rheins und entsprechenden Fang schließen.

Die Erkenntnisse aus dem Knochenpuzzle sind auch in das Römermuseum eingeflossen, so etwa bei der Darstellung des antiken Speiseplans. „Auch in unseren Workshops für den Nachwuchs, das nächste Mal in den Osterferien, wird dieses Stück Forschung lebendig“, sagt Bruno Benzrath vom Museumsverein.

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