Es hat einen Brand gegeben, eine junge Familie ist tot, der Vater soll Schuld sein. Eine Nachbarin hat den kleinen Sohn am Abend vorher noch am Fenster gesehen. Wollte er ihr etwas sagen?

Wohnungsbrand in Langenfeld
Helga Schiemann kannte die Familie - und ihre Kinder.

Helga Schiemann kannte die Familie - und ihre Kinder.

Marius Becker

Helga Schiemann kannte die Familie - und ihre Kinder.

Langenfeld. Es war noch dunkel, als Helga Schiemann Blaulicht durch die Glasbausteine ihres Schlafzimmerfensters sah. Sie wusste gleich, dass etwas passiert war. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Feuerwehrauto mit ausgefahrener Leiter. „Die waren gerade dabei, die Scheiben einzuschlagen.“ Im zweiten Stock brannte es.

So hat dieser schwarze Freitag für die 57 Jahre alte Nachbarin begonnen. Mittlerweile ist es Nachmittag, die Sonne scheint, die Feuerwehrautos sind weg, und alle Straßensperren wurden aufgehoben. Der Verkehr fließt wieder. Nur zwei Polizisten, die vor dem Hauseingang Wache stehen, deuten noch darauf hin, dass hier etwas geschehen ist. Eine junge Familie ist gestorben. 34 Jahre der Vater, 33 Jahre die Mutter. Der Sohn war fünf, die Tochter mit neun Monaten noch ein Baby.

Die Polizei nimmt an, dass der Vater erst seine Familie tötete und dann das Feuer legte. Wie er selbst starb, ist noch offen. Die Todesursache war am Nachmittag bei allen Familienmitgliedern noch unklar. Auch über das Motiv wird noch gerätselt.

Den Sohn der Familie erlebte sie als aufgeweckt und freundlich

Das Feuer war ein Schwelbrand, von außen ist kaum etwas zu sehen. Da sind nur die zerschlagenen Scheiben. Helga Schiemann schaut immer wieder hinauf. Sie kannte die Familie. Die Eltern waren nett, aber verschlossen, sagt sie. Das kleine Mädchen war ein „Wonneproppen“, aber am Besten hat ihr wohl der Junge gefallen: Ein ganz Aufgeweckter sei das gewesen. Und lustig. Neulich habe er ihr noch erzählt, seine kleine Schwester sei „eine Schnarchnase“.

Als Helga Schiemann das Feuerwehrauto sah, musste sie sofort an den ersten Brand in der Wohnung denken. Ende Oktober war das. Damals wurde das Baby zum Glück zu ungewohnter Zeit wach und weckte durch sein Schreien die Mutter, die den Schwelbrand bemerkte. Die Familie rettete sich auf den Balkon. An jenem Morgen hat Helga Schiemann auf die Kinder aufgepasst. „Der Fünfjährige fand das einfach nur spannend. Der hat zu mir gesagt: „Sag dem Papa mal, ich brauch' Spielsachen!““

Während die Wohnung renoviert wurde, zog die Familie vorübergehend zu den Eltern der Mutter. Vor Weihnachten kamen sie zurück. „Er hat mich damals noch stolz durch die Wohnung geführt“, erzählt Helga Schiemann. Sie kann nicht glauben, was jetzt über den Vater gesagt wird. „Vor zwei Tagen habe ich ihn noch gesehen - das Baby im Arm, den Kleinen an der Hand. So stolz, wie es nur ein Vater sein kann! Und der soll jetzt alle mit in den Tod genommen haben?“ Sie ist selbst zweifache Oma, und natürlich hat sie sofort an ihre eigenen Enkel gedacht.

Plötzlich hört sie auf zu reden, hält inne. Ihr ist etwas eingefallen: „Ich habe den Jungen gestern Abend ja noch gesehen. Er stand am Fenster und kasperte da rum.“ Sie zeigt auf das Fenster mit den zerschlagenen Scheiben. „Mir fiel das auf, weil sonst immer die Jalousien unten waren. Die Familie lebte ja sehr zurückgezogen. Aber gestern Abend war es nicht so. Ich hab' noch zu ihm raufgewunken, aber er hat mich wohl nicht gesehen. Jetzt frag' ich mich: Wollte er mir etwas sagen?“

Eigentlich kann das nicht sein, sagt sie sich. Der Brand war schließlich erst am Morgen. Aber sie wird noch lange darüber nachgrübeln. „Ich wohne ja hier gegenüber, ich sehe das Fenster jeden Tag.“ Sie ist Altenpflegerin, hat viel mit dem Tod zu tun, sagt sie. Aber das hier sei etwas anderes.

Männer und Frauen mit dicken Einkaufstaschen verlassen den Supermarkt im Erdgeschoss des Hauses, man wünscht sich ein schönes Wochenende. Helga Schiemann steht inmitten der Passanten, aber sie sieht sie nicht. Sie wird ihn nicht vergessen. Den Jungen am Fenster.
 

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer