Nach 80 Jahren gibt Michelin sein Werk in Haan auf. Messer und Löffel werden heute im Discounter gekauft.

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Auch für Mitarbeiter Siegurd Fischer sind die Tage an der Böttingerstraße gezählt. Die Beschäftigten sind zum großen Teil aber bereits weitervermittelt worden.

Auch für Mitarbeiter Siegurd Fischer sind die Tage an der Böttingerstraße gezählt. Die Beschäftigten sind zum großen Teil aber bereits weitervermittelt worden.

Stefan Fries

Auch für Mitarbeiter Siegurd Fischer sind die Tage an der Böttingerstraße gezählt. Die Beschäftigten sind zum großen Teil aber bereits weitervermittelt worden.

Haan. In der schummrigen Halle riecht es nach Öl. An den grünen Pressen stehen Abdeckungen offen, Lappen liegen herum. Bei der Besteckfabrik Michelin an der Böttingerstraße werden die Maschinen abgebaut und verkauft – vorher wird alles ein letztes Mal gereinigt.

„Wir können den Standort nicht mehr halten“, sagt Edgar Herbst, Geschäftsführer des Unternehmens mit Sitz in Krefeld. Nur noch einzelne Teile werden fertiggestellt. Einen Gehörschutz braucht man in den Hallen nur noch selten: „Jetzt geht es darum, alles für die Beschäftigten zu tun.“ In den vergangenen Monaten seien Mitarbeiter weitervermittelt worden, bis auf vier Fachkräfte sei inzwischen für alle gesorgt.

„Die Kunden sind überrascht, wenn wir ihnen die Qualität erläutern“

In einer Lagerhalle suchen Besucher beim Werksverkauf in den Beständen. Den Handel zu überspringen, die Ware selbst zu vertreiben – das Unternehmen habe es immer vermieden. „Sogar jetzt schützen wir den Handel. Wir verkaufen nichts, was es genauso im Handelshof gibt“, sagt Herbst. Soßenlöffel und Espressotassen, Gäbelchen und Steakmesser. „Der Verkauf wird klasse angenommen. Die Kunden sind oft überrascht, wenn wir die Qualität erläutern“, sagt Herbst.

Bei Hohlheftmessern werden die Klingen in den Griff, das „Heft“, eingelassen. Der verschweißte Edelstahl „18/10“ des Hefts würde sich nicht nachhaltig schärfen lassen, erläutert Ingenieur Ulrich Reininghaus (62), Enkel des Firmengründers und Betriebsleiter an der Böttingerstraße. Die Klinge sei aus einem geschmiedeten Klingenstahl. Das Ergebnis sei ein haltbareres, schärferes Messer. „Es liegt auch besser in der Hand als ein Monoblockmesser, das aus einem Stück gefertigt wird“, fügt Reininghaus hinzu. Dafür koste so ein Bestecksatz bei 24 Teilen aber auch fünfmal so viel wie Billigware.

„Es gibt im Handel niemanden mehr, der einem die Vorzüge erklärt“, sagt Herbst. Besteck werde beim Discounter verkauft, im Kaffeeladen. Messer und Gabel seien zu austauschbaren Gebrauchsgegenständen geworden. „Ich esse aber ein Steak nicht aus dem Suppenteller. Und es gibt Steakmesser oder Fischmesser.“

Vielleicht gibt es die Möglichkeit, die Fabrik wieder zu beleben

Hugo Reininghaus gründete 1931 seine Besteckfabrik in Haan. 1985 kaufte das Krefelder unternehmen Michelin das Werk auf. Zuletzt waren 15 Mitarbeiter an der Böttingerstraße beschäftigt.

Rund 15 Reihen Besteck stellten die Haaner her, 80 000 bis 100 000 Teile wurden jährlich produziert. In den Handel kam ein 24-teiliges Set zum Beispiel für 200 Euro.

Mit „Made in Germany“ werde es bei Michelino jetzt vorbei gehen, erläutert der Geschäftsführer. Eventuell werde die Marke in einigen Jahren mit Importware weiter betrieben – wenn die Vorräte aus heimischer Herstellung verkauft sein werden.

Er hänge an dem Haaner Betrieb, sagt der 46-jährige Manager: „Ich würde sofort wieder aufmachen, wenn sich noch ein passender Abnehmer für die Ware findet.“ Vielleicht gebe es die Möglichkeit, die Fabrik an der Böttingerstraße wieder zu beleben – Genaueres könne er dazu nicht sagen. Jedenfalls bliebe Michelino noch lange in Haan präsent: in den Besteckschubladen der Familien.

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