Die Zahl der Kirchenaustritte ist gestiegen. Die Katholiken macht das nachdenklich.

Pfarrer Reiner Nieswandt macht sich Gedanken über die Kirchenaustritte.  Archiv
Pfarrer Reiner Nieswandt macht sich Gedanken über die Kirchenaustritte. Archiv

Pfarrer Reiner Nieswandt macht sich Gedanken über die Kirchenaustritte. Archiv

Stefan Fries

Pfarrer Reiner Nieswandt macht sich Gedanken über die Kirchenaustritte. Archiv

Haan. Die Zahl der Mitglieder der katholischen Kirche sinkt. In Haan wandten im vergangenen Jahr 88 Menschen der Gemeinde St. Chrysanthus und Daria den Rücken zu. Damit wurde der außerordentlich hohe Wert von 2013 noch einmal übertroffen. Zum Vergleich: 2012 zählte die Gemeinde gerade mal 33 Kirchenaustritte. 2013 waren es satte 82. Zuletzt hatte es 2010 wegen des Missbrauchsskandals eine größere Zahl von Austritten gegeben. Zurzeit liegt die Zahl der Katholiken in Haan bei 9304, nach 9394 im Jahr 2013.

Der unangenehme „Tebartz-van-Elst-Effekt“

Den großen Sprung bei den Kirchenaustritten von 2012 auf 2013 schrieb Pfarrer Reiner Nieswandt seinerzeit dem „Tebartz-van-Elst-Effekt“ zu. Der Limburger Bischof hatte viel Geld beim Ausbau seines Limburger Amtssitzes verschwendet – statt der geplanten 5,5 Millionen kostete er am Ende mehr als 30 Millionen Euro. Das Entsetzen darüber ließ viele Christen ihre Gemeinde verlassen. Dieser Effekt habe auch 2014 noch nachgewirkt, glaubt Nieswandt. Aber auch das seit diesem Jahr eingeführte, neue Verfahren bei der Erhebung von Kirchensteuer auf die Kapitalertragsteuer habe seinen Anteil dazu beigetragen, sagt Nieswandt. Vom 1. Januar 2015 an sind die Banken per Gesetz verpflichtet, die Kirchensteuer auf Kapitalerträge abzuführen. Bis dahin mussten sie Steuerpflichtige selbstständig in ihrer Steuererklärung angeben.

Rekordniveau bei Austritten erwartet

Jetzt wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge automatisch einbehalten. „Das hat sicher eine Rolle gespielt“, sagt Nieswandt. Das deckt sich mit der bundesweiten Tendenz: Tatsächlich glauben Beobachter, dass im Jahr 2014 die Zahl der Austritte in beiden christlichen Großkirchen – katholisch wie evangelisch – auf ein Rekordniveau gestiegen sein wird. Es ist sogar schon von der größten Austrittswelle in der Geschichte der katholischen Kirche die Rede.

Für Nieswandt sind dies „verheerende Langzeitwirkungen“, die auch in seiner Gemeinde zu einem Aderlass führen. Die Mitglieder der Gemeinde sehen die Gründe für den Austritt kritisch und sind in Sorge. Wilfried Pohler, katholisches Gemeindemitglied, bedauert es, wenn die Entscheidung zum Austritt „nicht vom Glauben bestimmt ist, sondern von materiellen Gesichtspunkten“. Und selbst wenn es etwas zu kritisieren gebe, „dann stelle ich doch nicht meinen gesamten Glauben in Frage“, sagt er. Auch Martha Ostertag, Mitglied des Pfarrgemeinderates, bedauert die aktuelle Tendenz. Als Christ gelte man mittlerweile als Außenseiter, „das ist schade“, sagt sie. Die Kirche biete ihr selbst eine Heimat und könnte dies auch für viele andere sein. „Kirche ist offen, ist vielfältig, es gibt so viele soziale Gruppen. Da kann sich jeder auf seine Art einbringen“, sagt die 42-Jährige. Das betont auch Reiner Nieswandt. „Unsere Türen stehen für die Menschen immer offen.“

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