Zu Kaisers Zeiten entstand der Bau an der Bahnstraße. Die Akten wurden damals mit Nadel und Faden geheftet.

Zu Kaisers Zeiten entstand der Bau an der Bahnstraße. Die Akten wurden damals mit Nadel und Faden geheftet.
Diese Ansichtskarte zeigt das Rathaus nach seiner Erweiterung um einen Anbau im Jahre 1911.

Diese Ansichtskarte zeigt das Rathaus nach seiner Erweiterung um einen Anbau im Jahre 1911.

Gruitener Archive

Diese Ansichtskarte zeigt das Rathaus nach seiner Erweiterung um einen Anbau im Jahre 1911.

Haan. Es war das erste Haus am Platze. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn vorher stand dort schlichtweg nichts. Schaute man zur Jahrhundertwende im Gruitener Rathaus aus dem Fenster, herrschte dort vor allem eines: gähnende Leere. Und wenn man sich das alles so vorstellt, mutet es irgendwie eigentümlich an. Ein Rathaus mitten in der Pampa? Der Bürgermeister macht sich bei Wind und Wetter zu Fuß auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz? Und wer was von ihm wollte, hatte einen ebensolchen Fußmarsch vor sich? Man braucht schon reichlich Fantasie, um sich solche Arbeitstage vorzustellen. Aber vermutlich gab es damals längst nicht allerorten so viele rote Bändchen, die durchgeschnitten werden mussten.

Wie auch immer, der Bau des Gruitener Rathauses an der Bahnstraße war ein Kuriosum. Nicht nur deshalb, weil man von dort weit gucken musste, um zu wissen, über wessen Belange in den Amtsstuben überhaupt debattiert wurde. Sondern auch, weil es nicht die Gruitener selbst waren, die das Amtsgebäude „auf der grünen Wiese“ direkt neben der Bahnstation bauen wollten. Sondern die Schölleraner und die Millrather, die seit 1894 zur Bürgermeisterei Gruiten gehörten.

„Die Gruitener hätten das Rathaus lieber bei den Kirchen im Dorf gesehen“, weiß Lothar Weller. Für den Hobbyhistoriker ist die damalige Fügung ein Glücksfall. Löste sie doch auf „der Station“ – wie das Bahnhofsumfeld bis heute genannt wird – einen wahren Bauboom aus.

Nun aber nochmals zurück zur Rathausgeschichte, denn die ist noch längst nicht zu Ende erzählt. Zu verwalten gab es dort jedenfalls so einiges. Der Volkszählung von 1889 ist es zu verdanken, dass wir nun wissen: Es waren 3492 Leute, über deren Wohl und Wehe der Bürgermeister zu befinden hatte. Da mag es durchaus schon mal die eine oder andere kniffelige Angelegenheit gegeben haben und so wundert man sich nicht, dass eine lange Pfeife zur Büroausstattung gehört haben soll. „Es ist überliefert, dass sie ausgiebig benutzt wurde“, berichtet Lothar Weller aus der Chronik. Ach ja, in jedem Büro stand auch noch ein Stehpult. Und man fragt sich, wer dort ausschweifende Reden gehalten haben soll und vor wem. Vielleicht gab es Ärger wegen der Hundesteuer, die damals beinahe genauso viel Kleingeld in die Dorfkasse spülte wie die Gewerbesteuer? Wir wissen es nicht.

Was wir jedoch wissen, ist dies hier: Es gab zur Jahrhundertwende zwar schon Locher und Aktenordner, aber noch nicht in Gruiten. „Die Akten wurden mit Nadel und Faden geheftet“, plaudert Lothar Weller aus dem Nähkästchen. Verwaltet wurde ohnehin nur in den unteren Etagen – und oben wurde gewohnt. Dann gab es da auch noch das „Kaschöttchen“: ein kleines Gefängnis mit dem Domizil des Polizeisergeanten oben drüber. Und was ist mit dem Gemeindegroschen? Wo wurden die Penunzen aufbewahrt? Auch dazu weiß Lothar Weller Genaueres: „Wurde das Geld anfangs noch in einer eisenbeschlagenen Kiste verwahrt, gab es dafür bald schon einen gebrauchten Geldschrank.“ Übrigens: Im Jahre 1902 konnte sich Bürgermeister Friedrich Kratz auch per Telefon aus dem Rathaus melden. Allerdings noch nicht komfortabel vom Schreibtisch aus, sondern vom Wandapparat im hinteren Hausflur. Wollte der Mann bis in die Nacht hinein arbeiten, ging das nur bei Kerzenschein oder mit Petroleumleuchte. Drei Jahre nach dem Telefon kam mit dem Strom auch endlich Licht in die Amtsstuben. Kurz darauf auch noch die Gemeindesparkasse, die 50 Jahre später als Kreissparkasse in ein eigenes Gebäude neben den Rathaus zog.

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