Berlinale-Gewinner Christian Petzold verließ mit 20 seine Heimatstadt Haan, um in die Großstadt Berlin zu ziehen. Im Interview spricht er über seine Kindheit und seine ersten filmischen Gehversuche beim CVJM.

Interview
Der glückliche Gewinner auf der Berlinale: Christian Petzold.

Der glückliche Gewinner auf der Berlinale: Christian Petzold.

dpa

Der glückliche Gewinner auf der Berlinale: Christian Petzold.

Haan. Allen Grund zu Feiern hat er: Mit seinem Film „Barbara“ sicherte sich Christian Petzold bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für die Regie. Im WZ-Gespräch erinnert sich der gebürtige Hildener, der in Haan aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, an seine Kindheit und Jugend im Kreis Mettmann.

Herr Petzold, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Berlinale-Erfolg Ihres Films „Barbara“. Er galt als einer der Favoriten auf einen Goldenen Bären. Wie war es für Sie, nun den Regiepreis zu gewinnen?

Christian Petzold: Ich habe mich total gefreut und habe gar nicht mehr damit gerechnet, weil ich am Morgen der Verleihung einen kleinen Preis erhalten habe und es heißt, dass man dann keinen Bären mehr bekommt. Aber dann habe ich ja doch noch den Regiepreis erhalten und dementsprechend gefeiert.

Der Film handelt von einer Ärztin in der DDR. Ihre Eltern stammen aus dem Osten. Rührt ihre Verbundenheit zur DDR-Thematik daher?

Petzold: Meine Eltern sind sehr früh bereits in den 1950er-Jahren geflohen und wollten eigentlich als James-Dean-Begeisterte am liebsten bis nach Amerika, sind dann aber zwischen Wuppertal und Düsseldorf hängengeblieben. Sie haben mir und meinen Brüdern eigentlich nie viel über die DDR erzählen wollen, obwohl wir jedes Jahr dort Urlaub machten. Nicht wie meine Schulkameraden am Haaner Gymnasium, die braun gebrannt von den Kanarischen Inseln wiederkamen. Mein Interesse an der DDR wurde aber erst geweckt, als ich in den 1980er-Jahren fürs Studium nach Berlin zog und dort Umbruch und Mauerfall live miterlebte.

Geboren und aufgewachsen sind Sie aber im Kreis Mettmann.

Petzold: Ja, genau. Ich kann mich erinnern, dass wir in den ersten Jahren in einem Asylwohnheim in Haan gelebt haben, das wurde Klein-Zwickau genannt, weil das Kunststoffwerk, in dem meine Eltern Arbeit fanden, einer Zwickauer Firma gehörte.

Welche Bedeutung spielt Haan, das Sie einmal als Schlafstadt bezeichnet haben, für Ihr heutiges filmisches Schaffen?

Petzold: Als Jugendlicher empfand man die Stadt als entsetzlich langweilig. Eine Gartenstadt, in der sich Menschen nach der Arbeit in Wuppertal, Düsseldorf und Umgebung ausruhten. Alles, was laut war, war verboten. Eine Schlafstadt eben. Aber in einer Schlafstadt kann man eben auch viel träumen.

Und Sie haben vom Filmemachen geträumt. Haben Sie denn auch in Haan Ihre ersten Versuche gestartet?

Petzold: Ja klar. In so endlos langen Sommerferien, kurz bevor ich nach Berlin bin, als Zivi beim CVJM Kinoclub kam mir die Idee, kleine Filme zu drehen. In Anlehnung an Tatort-Folgen hießen sie „Tod im Baggerloch“ oder „Entführung im Rathaus“ (lacht). Das war wie ein letzter Versuch, in diesen Raum ohne viel Kultur – Haan hatte ja nicht mal mehr ein Kino – etwas Leben zu bringen.

Wie ist es mit beruflichen Vorbildern, beispielsweise dem Haaner Regisseur Berangar Pfahl?

Petzold: Meine Begegnung mit Berengar Pfahl beschränkt sich auf ein Casting für Komparsen während meiner Schulzeit, bei dem mein Freund ausgewählt wurde, ich aber nicht. Von da an hatte sich das Thema für mich erledigt (lacht).

Mit 20 Jahren sind Sie dann nach Berlin gegangen. War das eine Flucht aus der Provinz?

Petzold: Ich wollte schon irgendwohin, wo ich das komplette Gegenteil zu Haan fand. Das war in Berlin der Fall. Aber die Umstellung war anfänglich schon sehr schwer und ich trampte jedes Wochenende nach Hause.

Sind Sie denn heute noch oft im Kreis Mettmann?

Petzold: Zweimal im Jahr bin ich auf jeden Fall da. Meine Mutter wohnt noch in Haan. Außerdem finde ich es schön, meinen Kindern die Orte meiner Jugend zu zeigen. Rückblickend ist es ja alles nicht so öde, wie damals empfunden. Da kommt mir meine Kindheit so reich vor, geprägt von großen Feldern, dem Schleichweg zum Bahnhof Gruiten, dem Mädchen, das ich so toll fand. Außerdem mag ich die Leute von dort sehr gern.

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