Vor zwei Jahren erlebte Mitarbeiter Hans-Gerd Aust die Bluttat an seiner Arbeitsstelle mit. Jetzt braucht er dringend Hilfe – auch finanziell.

HIlden
Brigitte und Hans-Gerd Aust tragen schwer an den Folgen des Amoklaufs.

Brigitte und Hans-Gerd Aust tragen schwer an den Folgen des Amoklaufs.

Anja Tinter

Brigitte und Hans-Gerd Aust tragen schwer an den Folgen des Amoklaufs.

Hans-Gerd Aust liebt seine Familie. Und seinen Job. Eigentlich. Er ist Maschinenführer und Mitarbeiter bei 3M in Hilden – seit 1991. Dort war er zudem Sicherheitsbeauftragter, als der Amoklauf vom 11. November 2012 seinen Alltag nachhaltig erschütterte. Der 57-Jährige ist jetzt erneut in Therapie, und: Seiner Familie droht das Geld zum Leben auszugehen, Aust hat sich im Gestrüpp der Behörden und Anträge heillos verheddert. „Ich weiß nicht mehr weiter“, sagt er. „Wir leben auf Pump. Der Dispo ist ausgereizt, die Freunde helfen schon.“

„Die Kugeln pfiffen um meine Ohren.“

Hans-Gerd Aust

Rückblick. An jenem Abend im November hatte ein 38-jähriger Maschinenführer mit zwei Pistolen versucht, Kollegen vor und in der 3M-Kantine zu töten. Er verletzte vier und beging dann Selbstmord, bis heute sind die Motive ungeklärt.

Aust stand unmittelbar daneben, „die Kugeln pfiffen um meine Ohren“, sagt er. Er versuchte zu helfen, bekam alles hautnah mit – und auch wieder nicht: „In dem Moment reagiert man automatisch, alles ist irgendwie diffus.“ Die Erkenntnis – und die Angst – komme erst viel später. Bei ihm kam sie – und blieb.

„Er möchte unbedingt wieder arbeiten.“

Brigitte Aust

Wegen des schweren Traumas war Aust zunächst krankgeschrieben, Therapien und eine erste Wiedereingliederung scheiterten. Angebote der Firma lehnte der Vater einer erwachsenen Tochter ab, weil er fürchtet, damit einer endgültigen Rente zuzustimmen. Ein Unternehmenssprecher wollte sich dazu auf Nachfrage nicht äußern: 3M spreche grundsätzlich nicht über Mitarbeiter-Interna. Inzwischen ist einer der damals schwer Verletzten wieder im Werk, der andere ist in Rente. Rente will Aust aber nur vorübergehend. „Er fühlt sich zu jung dafür und möchte unbedingt wieder arbeiten“, erzählt seine Frau Brigitte. „Deshalb macht er ja jetzt erneut eine Therapie.“

Die Zeit der Anträge, der Behördengänge und Anfragen begann. So beantragte er eine einstweilige Rente von der Deutschen Rentenversicherung. Sie wird ihm gewährt, aber erst ab Ende März. Sie reicht nicht zum Leben. Der wichtigere Antrag an die Berufsgenossenschaft wurde abgelehnt – der Grad des Traumas reiche nicht aus, auch die Behandlungskosten würden nicht erstattet. Dagegen klagt Aust nun, Anwalt Hans-Joachim Scholz vom Deutschen Gewerkschaftsbund vertritt ihn dabei – und macht keine Hoffnung auf ein schnelles Urteil. „Hier wird garantiert ein Sachverständiger bestellt, das dauert. Außerdem sind die Sozialgerichte total überlastet.“ Nun stellt die Familie einen Antrag auf Sozialhilfe, „obwohl man uns im Gespräch wenig Hoffnung auf Bewilligung gemacht hat“, so Aust, der es nicht fassen kann, dass es „für Opfer wie mich“ keine Hilfe geben soll.

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