Eine 72-jährige Hildenerin ist in der Ukraine geboren und hat viele Lebensstationen erlebt. „Es war überall schwer“, sagt sie.

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Sozialarbeiterin Michaela Neusser (rechts) ist auch heute noch eine wichtige Ansprechpartnerin für Barbara S. (72).

Sozialarbeiterin Michaela Neusser (rechts) ist auch heute noch eine wichtige Ansprechpartnerin für Barbara S. (72).

Dirk Thomé

Sozialarbeiterin Michaela Neusser (rechts) ist auch heute noch eine wichtige Ansprechpartnerin für Barbara S. (72).

Hilden. "Hier kannst du tot in der Wohnung liegen, und niemand merkt es." Das soziale Umfeld ist für Barbara S. (Name von Redaktion geändert) der größte Unterschied, den sie nach ihrer Einwanderung nach Deutschland bemerkt hat. Die 72-Jährige wurde in Odessa/ Ukraine geboren, musste 1942/ 43 nach Sibirien umsiedeln und zog um 1960 nach Kasachstan.

Von dort kam sie 1995 mit ihrer Familie (Ehemann, Tochter, Schwiegersohn, zwei Enkel) nach Hilden. "Wir haben dann gleich eine Wohnung und etwas Geld bekommen", sagt die Russlanddeutsche, deren Vorfahren einst aus Süddeutschland auswanderten, was am schwäbischen Zungenschlag der 72-Jährigen nicht zu überhören ist.

"Von den Nachbarn war keine Hilfe zu erwarten"

"Überall war es schwer", erinnert sich Barbara S. an ihre verschiedenen Lebensstationen. Und da ist auch Deutschland keine Ausnahme. Vor allem Sprachprobleme gab es anfangs: "Man versteht nicht alles und man weiß nicht, wo es die Dokumente gibt." Und von den Nachbarn war keine Hilfe zu erwarten.

"Da kommt niemand und fragt, wie es dir geht." Das sei in Kasachstan anders gewesen: "Wenn ein Nachbar dich einen Tag nicht gesehen hat, dann schaut er nach, wie es dir geht." Zurück nach Kasachstan möchte die 72-Jährige nicht. Heimat ist da, wo die Gräber der Familie sind. Ihr Ehemann ist 1997 in Hilden gestorben.

"Als wir in Hilden ankamen, waren alle Übergangsheime überfüllt", sagt Barbara S. Mit ihrer Familie musste sie sich ein Zimmer teilen. Vor allem für ihre Kinder sei diese Zeit sehr schwer gewesen. Sie sprachen kein Wort Deutsch, mussten sich dennoch eine Arbeit suchen und noch einen Deutschkurs besuchen.

Noch schwerer fiel die Umstellung ihrem damals 17 Jahre alten Enkel. Keine Freunde, keine Freundin, kein Geld und viel Langeweile. "Er hatte nichts zu tun", sagt seine Großmutter.

Alkohol, nächtliche Ruhestörung, Ärger mit der Polizei - ihrem Enkel drohte das gleiche Schicksal, in das sich viele junge Zuwanderer flüchten. Sie werden meistens nicht in die Entscheidung einbezogen, ob die Familie nach Deutschland übersiedeln soll.

Sie werden nicht gefragt, ob sie ihre Freunde und Freundinnen verlassen wollen, ob sie für sich in Deutschland eine Perspektive sehen. Der Ärger ist vorprogrammiert. Und oft ist damit der Weg in die Kriminalität vorzeichnet. Der Enkel von Barbara S. hat gerade noch die Kurve gekriegt.

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