Stefan Lehmann arbeitet als Streetworker bei der Awo. Er hilft süchtigen Menschen bei ihrem täglichen, harten Kampf.

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Stefan Lehmann (r.) besucht Lutz (im Hintergrund) mindestens ein Mal pro Woche.

Stefan Lehmann (r.) besucht Lutz (im Hintergrund) mindestens ein Mal pro Woche.

Anna Schwartz

Stefan Lehmann (r.) besucht Lutz (im Hintergrund) mindestens ein Mal pro Woche.

Monheim. Die Außentreppe zur oberen Etage wirkt nicht gerade einladend. Von den Stufen bröckelt der Putz, die farblosen Wände sind beschmiert und sauber gemacht wurde lange nicht mehr. Dazu ist es kalt. Und nass. Kein schöner Ort zum Leben.

In einer der kleinen Wohnungen des Obdachlosenheims an der Niederstraße sitzt Lutz in abgeschnittener Jeans und ausgewaschenem Pullover. In der rechten Hand hält er eine Zigarette, vor ihm auf dem Tisch steht eine Flasche Bier, der Fernseher läuft. „Hier lässt es sich doch leben“, sagt Lutz mit einem Lachen, das sich in ein Husten verwandelt.

Seit vier Wochen wohnt der 47-Jährige in seinem Zimmer. Viele würden es wohl keine Stunde aushalten, aber für Lutz kann es ruhig so weitergehen.

Viermal pro Woche fährt der Streetworker zu den Treffpunkten

„Was gibt’s Neues?“, fragt ihn Stefan Lehmann wie ein alter Freund. Es folgen ein bisschen Tratsch über die Nachbarn, ein bisschen über ernste Themen wie Lutz’ Gesundheitszustand oder Probleme mit Behörden.

So sieht es aus, das Leben von Stefan Lehmann, dem Sozialarbeiter der Awo, der Sucht- und Drogenkranke in Monheim und Langenfeld betreut. „Wir haben zwar keine offene Drogenszene, aber Dealer und Junkys gibt es auch hier“, sagt Lehmann.

Die Suchtberatung der Awo läuft zweigleisig. Auf der einen Seite gibt es Streetworker wie Stefan Lehmann, die ihre „aufsuchende Arbeit“ leisten. Auf der anderen verfügt die Awo über ein großes Netzwerk. Dazu gehören Ärzte, Psychologen und die Landeskliniken in Langenfeld, die die Klienten mithilfe von Medikamenten entgiften wollen.

Telefon 02173/5 07 88 oder per Mail: info-suchtberatung@awo-mettmann-ggmbh.de

Vier Mal pro Woche fährt er zu den Treffpunkten in die Innenstädten oder besucht seine Klienten zu Hause. Nicht immer ist es so entspannt und herzlich wie mit Lutz, der trotz seiner Alkoholsucht weder unzurechnungsfähig noch verbittert wirkt.

„Die Klienten sind normale Menschen aus allen Schichten“, sagt Lehmann und fügt an: „Lutz hat sich eingerichtet, trinkt sein Bier und fühlt sich wohl.“ Wichtig für die Klienten sei, dass ihre Leben berechenbar sind. Sie hätten Angst vor Veränderungen. Deshalb passiere meist nichts.

Rund 40 Drogenabhängige – in der Regel von Alkohol und Heroin – betreut Lehmann. Er hat in seinen sechs Jahren als Streetworker viele kommen und gehen sehen. Manche schaffen den Absprung, manche sterben. „Die Leute sind krank und nehmen die Drogen nicht zum Spaß, sondern weil sie müssen“, sagt Lehmann.

Deshalb könne man die Süchtigen auch nicht einfach zum Aufhören zwingen. „Die Leute müssen die Sucht selber erkennen und bereit sein, aufzuhören. Wir geben nur Anstöße“, sagt Lehmann, der deswegen auch nichts von Vertreibungsaktionen der Polizei hält. Damit würden die Probleme verlagert, nicht gelöst.

So empfindet er die gesellschaftliche Debatte um Drogen als scheinheilig: „Das Problem sind nicht die Klienten, sondern die Strukturen. Es wird Geld für Entgiftungen ausgegeben, aber die Prävention kommt viel zu kurz. Viele Drogen werden gesellschaftlich akzeptiert und wie beim Alkohol sogar gefördert.“

Und wenn jemand einmal in der Abhängigkeit ist, ist es fast unmöglich, ohne Hilfe wieder heraus zu kommen. Deshalb sind Streetworker so wichtig. Sie drohen nicht mit Gesetzen, sie wollen nicht wissen, woher die Drogen kommen.

Sie sind da, um zu helfen. Bei Anträgen an Behörden, bei der Gesundheit oder, um zu reden, weil vielen eine Vertrauensperson fehlt. Das spricht sich in der Szene rum. Lehmann ist akzeptiert.

Ricky ging es sehr schlecht – bis Lehmann sich um ihn kümmerte

So war es auch bei Ricky. Der 40-Jährige ist heroinabhängig. Als der Sozialarbeiter ihn zum ersten Mal traf, dachte er nicht, dass Ricky noch lange durchhält.

Doch durch Lehmanns Hilfe besuchte er einen Arzt und ist nun Teilnehmer des Substituierungsprogramms der Rheinischen Landeskliniken Langenfeld, die rund 100 Heroinabhängige mit Medikamenten entgiftet und so aus der Kriminalität herausholt.

Ricky hat bosnische Wurzeln, ist aber in Wuppertal geboren. Er war ein gewöhnlicher Jugendlicher, als er mit 16 Jahren vergaß, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Seitdem ist er hierzulande nur geduldet und darf nicht arbeiten.

Diese Ausgrenzung aus der Gesellschaft, dieses tägliche Nichtstun, haben ihn in die Drogen getrieben. Erst durch Lehmann fand er wieder Anschluss. „Das Leben ist ein Kampf. Ich werde kämpfen“, sagt er und zeigt auf den Streetworker: „Ohne ihn wäre ich nicht mehr hier. Lehmann ist der beste.“

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