Seit elf Jahren arbeitet Anne Wagner-Mitchell für das Auswärtige Amt. Deswegen muss sie alle drei Jahre umziehen. Aktuell lebt sie in Jerusalem.

Portrait
Anne Wagner-Mitchell mit ihrem Mann Ian und ihrem Sohn Johannes über den Dächern von Jerusalem.

Anne Wagner-Mitchell mit ihrem Mann Ian und ihrem Sohn Johannes über den Dächern von Jerusalem.

Anne Wagner-Mitchell auf ihrem täglichen Weg von Jerusalem nach Ramallah.

privat, Bild 1 von 2

Anne Wagner-Mitchell mit ihrem Mann Ian und ihrem Sohn Johannes über den Dächern von Jerusalem.

Monheim. Die Idee reifte schon lange in ihr. Seit 1989. Seit der ersten Schüleraustauschfahrt mit dem Otto-Hahn-Gymnasium nach Israel. Anne Wagner-Mitchell war damals erst 17, als ihr Interesse für den Nahen Osten begann. Und das war gleich so groß, dass sie in den folgenden vier Jahren weitere drei Mal nach Israel fuhr.

Spätestens nach ihrem ersten Kontakt zur Deutschen Botschaft hatte sie ihren Traumarbeitsplatz gefunden. 15  Jahre, ein Jurastudium und drei Stationen später wurde es Realität: Seit 2007 lebt die Monheimerin als Diplomatin in Jerusalem und hat bis Mitte des Jahres, bis zu Beginn der Elternzeit, am Deutschen Vertretungsbüro in Ramallah gearbeitet.

Erst Bonn, dann Ghana, dann Berlin und jetzt Jerusalem

Damit ist es im Sommer allerdings vorbei. Dann sind die vier Jahre vorüber. 48 Monate war sie dann in einer der aufregendsten Regionen der Welt. Normalerweise sind 36 Monate die magische Zeitgrenze, nach der sich das Leben von Anne-Wagner-Mitchell und ihrer Familie dreht. Nur aufgrund der Elternzeit war die Station in Ramallah und Jerusalem ausnahmsweise etwas länger.

Seit 1999 ist das so, seit sie ihre Stelle beim Auswärtigen Amt begann. Sie startete in Bonn, war von 2001 bis 2004 im westafrikanischen Ghana und ging dann bis 2007 in die neue Zentrale nach Berlin. Erst danach durfte sie endlich dort hin, wovon sie schon als Schülerin und Studentin geträumt hatte.

Vier Jahre lang zwischen Jerusalem und Ramallah, zwischen den Welten, im täglichen Kampf um Verständigung und Annäherung. Zwischen „neuen politischen Initiativen“, die Hoffnung darauf machen, „dass nun endlich Bewegung in den Friedensprozess kommt“ und Fortschritten, „die dann aber doch wieder zum Stillstand kamen“.

Jeden Morgen geht es von Ost-Jerusalem im gepanzerten Wagen ins zwölf Kilometer entfernte Ramallah. „Vor Ort wird sich zunächst mit dem aktuellen Nachrichtenstand vertraut gemacht.“ Danach geht es zur großen Morgenkonferenz mit den Kollegen, bevor die eigentliche Arbeit beginnt. „Man schreibt Berichte über bestimmte aktuelle politische Entwicklungen, redet mit den palästinensischen Partnern oder stimmt etwas mit deutschen Organisationen ab“, beschreibt sie ihr Tageswerk.

Wenn deutsche Politiker kommen, ist Anne Wagner-Mitchell gefragt

Dazu gehört auch die Vorbereitung auf Besuche von Schüler- oder Studentengruppen. Aber auch von deutschen Politikern, die die palästinensischen Gebiete bereisen. „Man vereinbart Gesprächstermine und andere Programmpunkte für solche offiziellen Delegationen. Kein Tag ist wie der andere“, sagt sie.

Gefahr empfindet sie während ihrer Arbeit trotz der angespannten Lage nicht. Zwar gäbe es immer wieder brenzlige Situationen, wenn beispielsweise an einem Checkpoint Autoreifen brennen, „kurz bevor die ersten Steine flogen, konnte ich aber immer noch umkehren“, erklärt Wagner-Mitchell.

So erlebt sie die Auswirkungen der politischen Lage eher indirekt: „In Israel werden an der Einfahrt zu Parkhäusern der Kofferraum, vor Restaurants und Geschäften die Taschen kontrolliert. Als Ausländer fühlt man sich nie direkt bedroht, allerdings gibt es häufig Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften.“

Wer daran die Hauptschuld trägt, mag die Monheimerin nicht bewerten: „Je länger man hier ist, desto mehr merkt man, wie komplex die Situation ist. Auch gefühlsmäßig macht man hier oft eine Achterbahnfahrt mit“, sagt Wagner-Mitchell, die am Anfang überrascht war, „wie klaglos weite Teile der Palästinenser ihre schwierige Situation hinnehmen“.

Das sei aber eher eine pragmatische Handhabung der Realität:. So habe ihr ein palästinensischer Parlamentsabgeordneter die Lage mit der Metapher erklärt: „Wenn man in einem Labyrinth sitzt und man weiß, es gibt einen Ausweg, aber findet ihn nicht, dann wird man aggressiv und hämmert gegen die Wände. Wenn man aber weiß, es gibt keinen Ausweg, dann richtet man sich in einer Ecke ein und versucht, halbwegs komfortabel über die Runden zu kommen. Viele Palästinenser hätten den letzteren Weg gewählt.“

Wo der Weg für Wagner-Mitchell selber hinführt, weiß sie noch nicht. Seit Donnerstag ist sie für die Weihnachtstage wieder bei ihren Eltern in Monheim. „Das mache ich mehrmals im Jahr für einige Tage. Meine Eltern wollen ja schließlich auch etwas von ihrem Enkelkind haben.“

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