Die WZ lässt Fürsprecher und Gegner zum Thema „Shared place“ zu Wort kommen.

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Fachbereichsleiter Kurt Werner Geschorec (l.) hält lieber an den Verkehrsschildern fest, während Manuel Reig vom Mettmanner Bürgerforum sie am liebsten entfernen würde.

Fachbereichsleiter Kurt Werner Geschorec (l.) hält lieber an den Verkehrsschildern fest, während Manuel Reig vom Mettmanner Bürgerforum sie am liebsten entfernen würde.

Simone Bahrmann

Fachbereichsleiter Kurt Werner Geschorec (l.) hält lieber an den Verkehrsschildern fest, während Manuel Reig vom Mettmanner Bürgerforum sie am liebsten entfernen würde.

Mettmann. Klare Regeln vereinfachen das Leben. Das gilt auch im Straßenverkehr. Vorfahrt- und Stoppschilder verhindern Unfälle und Anarchie auf der Straße. Diese für selbstverständlich gehaltene Überzeugung gerät aber ins Wanken.

In der Gemeinde Bohmte bei Osnabrück gibt es ein neues Verkehrskonzept ("Shared Space", gemeinsam genutzter Raum) und an der Hauptverkehrsstraße keine Verkehrsschilder, Ampeln und Bürgersteige mehr.

Die Diktatur der Schilder soll durch die Höflichkeit der Verkehrsteilnehmer ersetzt werden. Durch den Wegfall von Regeln soll Rücksicht gefördert werden. Kann das auch in Mettmann funktionieren, so wie vom Mettmanner Bürgerforum propagiert? Die WZ sprach darüber mit Architekt Manuel Reig als Vertreter des Bürgerforums und Kurt Werner Geschorec, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung, Umwelt und Bauen .

Herr Reig, das Bürgerforum hat das Verkehrskonzept "Shared Space" zum Thema für die Lösung der Verkehrsprobleme in der Mettmanner Innenstadt gemacht. Was genau stellen Sie sich vor, und was würde die Umsetzung für Mettmann bedeuten?

Reig: Shared Space bedeutet in erster Linie eine gegenseitige Rücksichtnahme und setzt ein Umdenken aller Verkehrsteilnehmer voraus. Es würde aus unserer Sicht für die Innenstadt von der Breite Straße über die Straße Am Königshof und den Jubiläumsplatz bis zur Johannes-Flintrop-Straße bedeuten, dass dort keine Verkehrsschilder und Ampeln mehr stehen, dass überall Tempo 30 und die Regelung Rechts-vor-Links gilt. Und es gibt keine abgegrenzten Bürgersteige mehr. Das wurde in anderen deutschen und europäischen Städten bereits erfolgreich umgesetzt.

So heißt ein neuer Ansatz zur Verkehrsplanung, der in ganz Europa immer mehr Beachtung findet. Das entscheidende Merkmal ist, dass Verkehrsschilder, Fußgängerinseln, Ampeln und andere Barrieren nicht mehr nötig sind. In Shared Space fügen sich Autofahrer rücksichtsvoll ins menschliche Miteinander von Fußgängern, Radfahrern und spielenden Kindern ein.

Das hört sich bei derzeit rund 20 000 Autos und Lkws, die täglich durchs Nadelöhr von Mettmann fahren, nach Chaos an. Herr Geschorec, ist das aus Ihrer Sicht als Verkehrsplaner machbar?

Geschorec: Für die Johannes-Flintrop-Straße würde ich es definitiv ausschließen, ohne dass vorher eine Verkehrsentlastung stattgefunden hat. Nach dem Bau der Osttangente und der Seibelquerspange kann man sich über ein solches Thema durchaus unterhalten. Es gibt bereits Pläne, dort einen verkehrsberuhigten Bereich einzurichten.

"Wir wollen nicht einfach etwas über die Köpfe der Mettmanner hinweg regeln."

Manuel Reig, 2. Vorsitzender des Mettmanner Bürgerforums

Aber auch nach dem Bau der Umgehungsstraßen werden Ihren Berechnungen nach noch tausende von Autos durch die Innenstadt fahren. Und was ist mit dem Lkw-Verkehr?

Geschorec: Die Lastwagen sind ein großes Problem. Es reicht heutzutage nicht mehr, einfach nur neue Straßen anzubieten. Deshalb wollen wir die Durchfahrt durch die Innenstadt unattraktiv machen. Bei Shared Space sind hingegen immer Umbauten erforderlich, und man muss Geld in die Hand nehmen. Einfach ein paar Schilder wegnehmen und darauf zu hoffen, dass sich alle im Straßenraum vertragen, funktioniert leider nicht. Reig: Wir wollen ja auch nicht einfach etwas über die Köpfe der Mettmanner hinweg regeln, sondern die Bevölkerung an der Lösung des Verkehrsproblems beteiligen.

Mit welchen Argumenten wollen Sie die Bürger von Shared Space überzeugen? Gerade die Erfahrungen der vergangenen Monate mit Tempo-30-Regelungen oder den Pollern in der Fußgängerzone haben doch gezeigt, dass der Ärger nicht lange auf sich warten lässt, wenn bestehende Regelungen geändert werden.

Geschorec: In diesem Punkt muss ich Herrn Reig unterstützen. Wenn sich alle vernünftig verhalten, hat man mit Shared Space weniger schwere Unfälle. Das ist meiner Ansicht nach durchaus ein gutes Argument. Reig: Shared Space bedeutet auch ein Stück weit eine andere Lebensqualität, wie sie in anderen Ländern längst üblich ist. Dort stellen sich die Verkehrsteilnehmer aufeinander ein.

Viele Autofahrer beschweren sich doch schon jetzt darüber, dass willkürlich Tempo-30-Zonen eingerichtet werden. Die Stadtverwaltung musste sich in der Vergangenheit oft den Vorwurf gefallen lassen, die Autofahrer damit abzukassieren. Wäre es nicht sinnvoller, wenn in der Innenstadt überall nur 30 km/h gefahren werden kann?

Geschorec: Das ist ein guter Gedanke. Aber wir sind an die Straßenverkehrsordnung gebunden und die sieht nun mal Tempo 50 für den Stadtverkehr vor. Überall dort, wo das Tempo eingeschränkt werden soll, müssen Schilder aufgestellt werden. Ich bin auch der Ansicht, dass wir in Deutschland zu viele Schilder haben. Aber wir regeln den Verkehrsteilnehmern eigentlich immer hinterher, weil zu viele Vorschriften einfach missachtet werden und wieder neue Schilder aufgestellt werden müssen.

So wie in der Fußgängerzone, durch die viele Autofahrer einfach durchgefahren sind. Deswegen stehen dort jetzt die Poller. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sich Shared Space in der Mettmanner Innenstadt wirklich umsetzen lässt. Reig: Das sehe ich anders. Wenn die Bürger frühzeitig in die Planungen einbezogen werden, kann das durchaus funktionieren.

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