Suhila (9) und Fahima (8) wurden mit 83 weiteren Kindern vom Friedensdorf am Freitag von Kabul nach Deutschland geflogen.

Kabul/Haan. Mark ist ein cooler Typ. Muss er auch sein als Sicherheitsmann am Kabuler Airport. Der Australier war drei Jahre im Irak und sieht solche Kinder nicht zum ersten Mal. "Oh, Mate (Kumpel)", sagt er "das ist so traurig." Obwohl sie eigentlich nach Sprengstoff im Gepäck suchen, fassen er und seine Kollegen jetzt kurz mit an und tragen Kinder die Gangway hoch. Das geht schneller. 85 schwer verletzte Mädchen und Jungen auf dem Weg in deutsche Krankenhäuser finden schnell und behutsam ihren Platz in der Boeing der Safi-Airways.

Die beiden Mädchen werden von Haaner Ärzten behandelt

Am Flugzeugfenster sitzen Suhila (9) und Fahima (8) staunend beim Start. Noch nie haben sie die gewaltigen, tief verschneiten Berge ihres Heimatlandes so gesehen.

Die Mädchen leiden an einer Knochenentzündung. Das muss keine Kriegsverletzung sein, ist aber immer eine Krankheit, die die Armen erreicht. Mangelernährung oder gar kein Essen - die kleinen kraftlosen Körper können die Entzündung im Bein nicht bekämpfen Höllisch weh tut das, wenn der Knochen langsam weggefressen wird. Unbehandelt endet die Krankheit manchmal mit einer Amputation - oder schlimmer. Zum Glück gibt es Dr. Neumann und sein Team. Die Chirurgen vom St. Josef Krankenhaus werden die beiden Mädchen kostenlos betreuen, ihnen die Fisteln entfernen und die Entzündungen behandeln - und wie bei einem Flaschenhals in mehrstündigen Operationen den Knochen reinigen.

Der Vater von Suhila trat auf eine Mine, sein Bein wurde amputiert

Suhila ist das fünfte Friedensdorf-Kind, das im Haan aufgenommen wird. Die Kliniken im Kplus-Verbund sind führend in der Region, neben Haan wird für das Friedensdorf in Solingen und Hilden operiert. Suhila lebt ein typisches, afghanisches Schicksal. Sie ist kaum geboren, da tritt Vater Mohammed auf eine Mine. Nach der Beinamputation ist es aus mit der Landwirtschaft in der Provinz Bamian.

Die Familie zieht nach Kabul, der Vater arbeitet als Tagelöhner

Die zehnköpfige Familie zieht nach Kabul, dort schlägt sich der Vater als Tagelöhner durch. Das, was der Verkauf des Landes brachte, ist schnell verbraucht, als das Mädchen an Osteomyelitis erkrankt. Suhila wird dreimal operiert. Dabei kostet schon ein einziges Röntgenbild in Kabul so viel, wie ein Tagelöhner in einem halben Jahr verdient. Der Vater ist verzweifelt, als er über den Kabuler Arzt Abdul Marouf Kontakt mit dem Friedensdorf aufnimmt.

Friedensdorf International wurde am 6. Juli 1967 als Bürgerinitiative gegründet, um Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten zu helfen. Den unschuldigsten Opfern der Kriege und Krisen sollte schnelle und unbürokratische Hilfe gewährt werden. Seit der Gründung hat sich die Arbeit der Einrichtung erweitert, aber nach wie vor stehen die Kinder im Mittelpunkt. Aus der anfänglich ausschließlichen Einzelfallhilfe ist ein Programm für den Frieden geworden.

Abflugtag: Eine Prozession der Unglückseligen und der Hoffenden zugleich beginnt. Humpelnd, auf Mütter in Burkas gestützt, auf Decken getragen oder einfach auf den Schultern des Vaters - so treten 85 Kinder ihre Reise in deutsche Krankenhäuser an.

5200 Kilometer weiter am Flughafen in Frankfurt tragen auch Rote-Kreuz-Helfer aus Solingen, Remscheid und Leverkusen die Kinder die Gangway herunter. 25 Freiwillige und zehn Fahrzeuge kommen allein aus dieser Region. Sie werden noch am Nachmittag zu Krankenhäusern in ganz Deutschland fahren. Den Liegendtransport nach Haan steuert Markus Borgemans (26). Der Informatikstudent ist ein Routinier unter den Sanitätern, die freiwillig für das Friedensdorf fahren. Hinten im Wagen streichelt Helferin Anne van Lotum Suhilas Wange. Am Wochenende habe sie auf den Karnvelaszügen Jugendliche betreut, erzählt sie. "Die waren alle so betrunken, das hier ist was ganz anderes", sagt sie.

Bereits am Montag will Oberarzt Wolfgang Habel Suhila operieren

Freitagabend, Notaufnahme: Gekommen sind auch die, die längst frei haben. Oberarzt Wolfram Habel untersucht Suhilas Bein, operieren will er bereits am Montag. Schwester Regina Jäger-Zimmer, die gerade erst eine Betreuerinnen-Schulung im Friedensdorf gemacht hat, nimmt mit einem gewinnenden Lächeln den beiden Mädchen die Aufregung. Jetzt kichert Suhila, weil Assistenzarzt Wolfgang Schmelter ihren nackten Fuß kitzelt. Dabei will der nur ihre Schuhgröße schätzen. "35, mal sehen, ob wir daheim nicht was besseres finden", sagt er mit einem Blick auf Suhilas verschließene Gummilatschen.

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