Die ersten Spannbetonteile für die neue Brücke über die Eisenbahngleise sind verlegt.

Gruiten. Mit unglaublicher Präzision justiert das Ungetüm das Brückenfertigteil in der Luft. In ein Gefälle von fünf Prozent gebracht, gleitet das etwa 22 Tonnen schwere Spannbetonteil fast geräuschlos durch die Luft, um dann neben den fünf schon auf den Pfeilern liegenden Brückenteilen zu landen - und der erste Bauabschnitt der Brücke über die siebengleisige Eisenbahnstrecke für die neue Kreisstraße K 20n ist fertig. Insgesamt müssen 18 Brückenteile millimetergenau eingepasst werden. Und das geht nur mit einem 500-Tonnen-Autodrehkran.

57 Meter hoch ragt der Ausleger des Autokrans in den Himmel

Viele Neugierige haben am Samstag den Weg zur Baustelle gefunden. Alle Augenpaare gleiten ehrfurchtsvoll immer wieder den 57 Meter hohen Kran hinauf und hinab. In ganz Deutschland gibt es höchstens zehn dieser fast fünf Millionen Euro teuren Kräne.

In der Nacht von Freitag auf Samstag hat das Ungetüm seinen Weg nach Gruiten gefunden. Bauleiter Ingo Pretzsch hat den Kran in Empfang genommen. Er ist längst nicht so beeindruckt wie die Zuschauer. Seit 13 Jahren leitet der 39-jährige Ingenieur Baustellen. Die Brücke in Gruiten ist etwa seine 50.

"Ich habe zu Hause eine Deutschlandkarte hängen, auf der ich alle meine Brücken eingezeichnet habe", sagt er lachend. Nicht nur am Samstag, sondern auch in den kommenden Nächten wird Pretzsch mit seiner zehnköpfigen Mannschaft die 61,5 Meter lange, zweispurige (mit einer Linksabbiegerspur) Brücke fertig stellen.

18 Schwergewichte wiegen zwischen 22 und 55 Tonnen

Die 18 Fertigteile, die er dafür braucht, sind zwischen 13 und 24Meter lang und wiegen 22 bis 55 Tonnen. Auf Tiefladern mit Sonderfahrgenehmigung und Polizeibegleitung sind sie nachts aus einem Fertigungswerk in Hessen angeliefert worden. Pretsch: "Fertigteile werden immer dann genutzt, wenn wenig Zeit ist und der Verkehr unter der Brücke nicht stillgelegt werden kann."

Die Ortsumgehung K 20n soll Parkstraße, Thunbusch- und Hochstraße um rund 50 Prozent entlasten.

Etwa 8,8 Millionen Euro kostet die Ortsumgehung. Darin enthalten sind auch alle Ingenieurleistungen und der Grunderwerb. 25.000 Quadratmeter einstiges Ackerland sind dafür bebaut und 10.000 Tonnen Asphalt verlegt worden. Der Brückenbau verschlingt etwa eine Million Euro.

Land und Bund schießen 6,11 Millionen Euro hinzu. Den Rest zahlt der Kreis Mettmann.

Alle paar Minuten saust ein Zug vorbei. Der erste Bauabschnitt am Samstag war für ihn und seine Mannschaft eine Trockenübung, da sich dieser Brückenteil nicht unmittelbar über den Gleisen befindet. Schwierig wird es, wenn in einer der kommenden Nächte das Mittelteil verlegt wird. Nur wenn gerade kein Zug unter der Brücke durchrauscht, darf die Truppe ein Fertigteil ansetzen.

"Wir haben da exakte Zeitfenster. Manchmal kommt 90 Minuten lang kein Zug, einmal haben wir aber auch nur zehn Minuten." Aus der Ruhe lässt er sich nicht bringen. "Darum bauen wir den ersten Abschnitt tagsüber, dann bekommt die Mannschaft Routine." Die meisten von Pretzschs Jungs würden eine Brücke ohnehin fast im Schlaf bauen, wie Polier Alfons Böckmann.

Seit 25 Jahren arbeitet er auf dem Bau, wie schon sein Vater. Er nimmt die hereinschwebenden Bauteile an und bringt sie mit viel Fingerspitzengefühl an ihre exakt berechnete Position auf die zwei Pfeiler. Ohne Sicherung und doppelten Boden turnt Böckmann auf der halbfertigen Brücke herum.

"Man muss kopffest sein. Teilweise ist das hier ein richtiger Drahtseilakt." Per Funk und Handzeichen verständigt er sich mit dem Kranführer. Mit einer Stockwinde werden die Teile ausgerichtet. Etwa zwei Zentimeter Abstand sollten sie voneinander haben. "Beton ist elastisch. Den Zwischenraum braucht die Brücke, um arbeiten zu können", erklärt Pretzsch.

Wenn das Teil abgesetzt ist, wird eine Kippsicherung hergestellt und verschweißt. Wenn alle Brückenteile verlegt sind, wird der Straßenbelag aufgetragen. "Im September können wir wohl die komplette K 20n für den Verkehr freigeben", sagt Nico Leonhardt. Der 39-Jährige ist Projektleiter beim Kreis Mettmann. Die Gruitener Brücke ist seine erste. "Aber man wächst ja in das Projekt hinein."

Seit November 2006 arbeitet er an der Umgehungsstraße. Viel Aufregung hat ihm das Projekt beschert, als sich der Baubeginn verzögerte - die erste Baufirma hatte Insolvenz angemeldet. "Aber wir sind trotzdem im Zeitplan." Wehmut kommt so kurz vor Abschluss dieses Mammutprojektes bei ihm nicht auf.

"Ich werde damit ja noch lange beschäftigt sein. Wenn die Autos über die Straße rollen, schreibe ich noch Abschlussberichte und prüfe Rechnungen", sagt er lachend. Und schließlich wartet auch schon das nächste Projekt auf ihn: Die Ortsumgehung in Mettmann.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer