Hasan Semsek darf seinen Kiosk am Bahnhof nicht 24Stunden lang öffnen.

Anwohner haben sich über Lärm beschwert, den Semseks Kunden verursachen.
Anwohner haben sich über Lärm beschwert, den Semseks Kunden verursachen.

Anwohner haben sich über Lärm beschwert, den Semseks Kunden verursachen.

Dirk Thomé

Anwohner haben sich über Lärm beschwert, den Semseks Kunden verursachen.

Erkrath. Hasan Semsek versteht die Welt nicht mehr. Ein Jahr lang hatte sein Kiosk am Bahnhof in Alt-Erkrath bis 0 Uhr geöffnet. An Wochenenden versorgte der Inhaber seine Kundschaft sogar 24 Stunden lang mit Zigaretten, Getränken, Butter, Zeitschriften oder einem dampfenden Kaffee.

Zurzeit darf der 45-Jährige sein gut sortiertes Ladenlokal "nur noch" bis 22 Uhr öffnen. Jetzt fürchtet Semsek Stammkunden zu verlieren: den Busfahrer, der nach Schichtende noch eine Packung Zigaretten kauft, den Gastgeber, der um Mitternacht die Weinvorräte auffüllen will, oder die jungen Leute, die gerne einmal nachts einkaufen.

"Jeder Zug, der vorbei fährt, ist lauter."

Tobias Wienke, Anwohner

Mit Letzteren haben Semseks Probleme angefangen. "Seit einem Monat gibt es Stress", sagt der gebürtige Kurde. Nicht mit den Jugendlichen, sondern mit den Nachbarn, die sich über die nächtlichen Einkäufe bei Semsek beschwert haben.

"Was soll ich machen?", sagt der Inhaber. Er habe die Kunden ja schon gebeten, ihr Bier doch nicht vor seinem Laden zu trinken. Trotzdem gibt es Beschwerden. "Die trinken drüben am Bahnhof, und ich werde verantwortlich gemacht", so Semsek.

Das Ordnungsamt besuchte das Büdchen und verhängte die neuen Öffnungszeiten. Laut Semsek, für den sein Kiosk der Schritt in die Selbstständigkeit war, ist das Vorgehen der örtlichen Behörden schwer verständlich. Stadtsprecher Uwe Krüger kann die Situation erklären: "Dieser Kiosk war früher einmal eine Pizzeria. Der Inhaber hätte eine Nutzungsänderung gebraucht, um 23 Stunden geöffnet zu haben."

In Deutschland entscheiden die Länder, wie lange normale Läden geöffnet haben dürfen. Während in Bundesländern wie Bayern oder dem Saarland bereits um 20 Uhr geschlossen werden muss, sind die Vorgaben in NRW lockerer. Theoretisch dürfen Läden hier seit November 2006 montags bis samstags 24 Stunden geöffnet haben. In der Praxis gibt es jedoch wenige Supermärkte, die nach 22 Uhr geöffnet haben. In Düsseldorf gibt es einige Filialen einer bekannten Kette, die von 7 bis 24 Uhr öffnen.

Wer glaubt, im Wandel der Zeit sei es zu einer kontinuierlichen Verlängerung der Ladenzeiten gekommen, der irrt. Im 19. Jahrhundert hatten die meisten Geschäfte in Deutschland an sieben Tagen der Woche zwischen 5 und 23 Uhr geöffnet. Erst 1919 wurde die Sonntagsruhe und eine Beschränkung an Werktagen bis 19 Uhr eingeführt.

Zurzeit werde geprüft, ob der Kiosk die baulichen Voraussetzung für diesen Betrieb erfülle. Die Lärmbeschwerden der Anwohner seien bei der Entscheidung über die Nutzungsänderung erst einmal irrelevant. Dass der Laden trotzdem seit einem Jahr an den Wochenenden in den 24-Stunden-Betrieb gegangen ist, das habe sich, so Krüger, "im rechtsfreien Rahmen abgespielt".

20 Seiten Unterschriften hat der Kiosk-Inhaber bereits gesammelt

Semsek holt eine Unterschriftenliste hervor. "Die habe ich jetzt seit drei Tagen hier liegen", erklärt der frischgebackene Geschäftsmann. Auf unzähligen Seiten haben Kunden ihre Unterschrift für den Kiosk und seinen Rund-um-die-Uhr-Service gesetzt. Rechtlich mag die Liste zwar unerheblich sein, jedoch zeigen die 20 Blätter: Semseks Kiosk hat viele Freunde.

Tobias Wienke (30) wohnt ganz in der Nähe und sagt: "Ich bin ein Freund dieser rheinischen Büdchenkultur." Gerade in dieser Ecke von Erkrath habe es lange kein entsprechendes Angebot gegeben, erst wieder an der Kreuzstraße. Der Kunde verteidigt Semseks Lädchen: "Ich kriege schon mit, wenn Jugendliche sich hier was holen. Die unterhalten sich mal - aber jeder Zug, der vorbei fährt, ist lauter."

Andere Anwohner sehen das anders. Der Konflikt am Bahnhof spitzt sich zu. Nach den Schilderungen des Kioskbesitzers lauern ihm Nachbarn sogar von der gegenüberliegenden Straßenseite auf und achten darauf, dass er um Punkt 22 Uhr die Türe schließt.

Doch Semsek belastet noch etwas: Vor zweieinhalb Monaten sei er ausgeraubt worden. Die unglaubliche Geschichte: Eine Aushilfe soll ihm Schlafmittel ins Essen gemischt haben und anschließend mit Kasseninhalt und Tabakwaren getürmt sein. Seitdem sei der Inhaber finanziell aus der Bahn geworfen worden.

Er gesteht: "Ich habe zu Hause so viele gelbe Briefumschläge in der Post, dass ich nicht mehr weiß, welchen ich zuerst öffnen soll." Seine Düsseldorfer Wohnung sieht Hasan Semsek immer seltener: "Der Kiosk ist mein Zuhause."

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