Temperaturen bis minus 60 Grad, Gefrierbrand am Ohr, der Verlust eines Weisheitszahns und eine wirklich schöne Bescherung: Benjamin Semburg (26) wird sich sein Leben lang an das Jahr 2007 erinnern.

Diplom-Physiker Benjamin Semburg arbeitete 19 Tage lang in der Amundsen-Scott-Forschungsstation in der Antarktis.
Diplom-Physiker Benjamin Semburg arbeitete 19 Tage lang in der Amundsen-Scott-Forschungsstation in der Antarktis.

Diplom-Physiker Benjamin Semburg arbeitete 19 Tage lang in der Amundsen-Scott-Forschungsstation in der Antarktis.

privat

Diplom-Physiker Benjamin Semburg arbeitete 19 Tage lang in der Amundsen-Scott-Forschungsstation in der Antarktis.

Haan. Was seine Verlobte Julia wohl davon hält: Benjamin Semburg hat im Moment nur Augen für den Südpol. Auch während der Ferien hockt der Diplom-Physiker mehrere Stunden in seinem Büro an der Uni Wuppertal, um die Satellitenbilder von der Forschungsstation an der Antarktis zu sehen. "Der Kontakt besteht täglich maximal zwölf Stunden", sagt der 26-Jährige. Jede Sekunde davon will er nutzen.

Schließlich geht es um "sein" Projekt: Spats, kurz für "South Pole Acoustic Test Setup". Winzigste Teilchen aus dem Weltall, Neutrinos, sollen von zwei akustischen Sensoren eingefangen werden. Einzelheiten darüber versteht nur, dessen naturwissenschaftliches Wissen über das Niveau von Joachim Bublaths Knoff-Hoff-Show hinausgeht. Prototypen des Sensors jedenfalls stammen von Semburg. Heiligabend wurden sie installiert - eine besonders schöne Bescherung für den Haaner.
 
Er will nun mit eigenen Augen sehen, wie das Projekt läuft. Und vielleicht auch ein bisschen nach dem Rechten sehen. Denn Benjamin Semburg war selbst für insgesamt 19 Tage am südlichsten Punkt der Erde. Damit erfüllte er sich einen beruflichen Traum. Für den er einiges auf sich nahm.

Insgesamt sechs Tage - vom Abflug in Düsseldorf an - war Semburg Ende Oktober unterwegs, um an sein Ziel, die berühmte Amundsen-Scott-Station, zu gelangen. Auf dem Vorposten in Neuseeland ließ er diverse medizinische Checks über sich ergehen; unter anderem musste ihm sein letzter verbliebener Weisheitszahn entfernt werden. Am Südpol gibt es zwar Ärzte, aber keinen Zahnarzt; das heißt: Vorkehrungen treffen. Semburg nahm es gleichmütig hin: "Der hätte ohnehin bald rausgemusst."

"Die ersten zwei Tage war ich wegen der Höhenlage wie verkatert."

 

Eine Hercules-Maschine brachte Semburg und seine Kollegen von der Uni Wuppertal am 31.Oktober ins ewige Eis. Der Auftrag der Physiker innerhalb des internationalen Teams in der Forschungsstation: im Rahmen des Mammutprojekts "Ice Cube", das ebenfalls auf der Suche nach den Neutrinos ist, die Armada von Computern zu überwachen.

Aber die Natur tat anfangs alles, um den Naturwissenschaftlern den Spaß an der Arbeit zu verleiden. "Während der ersten acht Tage herrschten Temperaturen von bis zu minus 60 Grad, Schneestürme mit Windstärke sechs sorgten dafür, dass die Sicht gegen Null ging. Die Luft war dabei absolut trocken", so Semburg.

Einmal habe er sich gewagt, die Kapuze seiner Polarjacke etwas länger abzunehmen. "Mein Ohr war binnen kürzester Zeit so gut wie abgefroren." Diagnose: Gefrierbrand. Da sich der Südpol auf Grund des Packeises auf 3000Meter Höhe befindet, schlich sich auch noch die unter Bergsteigern bekannte Höhenkrankheit ein. "Zwei Tage lang war ich wie verkatert." Trotz aller Widrigkeiten litt die Gesundheit des jungen Mannes nicht wirklich. Bezeichnenderweise erwischte ihn eine Grippe erst bei seiner Rückkehr nach Deutschland.

Der Frühling in der Antarktis zeigte sich schließlich doch noch von seiner winterzauberhaften Seite: wolkenfreier Himmel und Sonnenschein - und das 24 Stunden am Tag. "Damit kam ich zurecht", erinnert sich Semburg. "Es war nur ungewöhnlich, beim Zähneputzen um halb zwölf abends die Sonne im Rücken zu spüren."

"Am Südpol herrscht ein besonderer Zusammenhalt."

 

Heimweh nach Hause? Dagegen gibt es ja heutzutage Telefonieren übers Internet mit Webcam. Dennoch sei es ihm dann und wann schwer gefallen, am anderen Ende der Welt zu sein, gibt Benjamin Semburg zu. "Ich bin eben ein Familienmensch."

Das Leben im Forschercamp glich einem Ausflug in die Jugendherberge. Spartanisch eingerichtete Büros und Zimmer, die Freizeitgestaltung bestimmten ein großer Aufenthaltsraum mit Billardtisch sowie ein Videozimmer und eine kleine Bibliothek. "Da war man froh, wenn es mit der Arbeit mal etwas länger dauerte", sagt Semburg mit einem gequälten Lächeln.
 
Die Stimmung innerhalb der etwa 200 Mann starken Gruppe sei nichtsdestotrotz bemerkenswert gewesen, so der 26-Jährige. "Es herrscht ein besonderer Zusammenhalt zwischen Menschen, die alle abgeschnitten sind von der Außenwelt und gemeinsam für eine gemeinsame Sache arbeiten."
Die nächste Forschergruppe reist im kommenden Herbst in die Antarktis.
 
Benjamin Semburg wird dann wohl nicht dabei sein. "Ich würde jederzeit wieder dorthin, wenn man mich fragt. Aber es gibt genügend andere Kandidaten, die auch mal wollen." Trotzdem hat auch das Jahr 2008 das Zeug dazu, in der Erinnerung des 26-Jährigen ewig haften zu bleiben: Für Oktober ist die Hochzeit mit Julia geplant.
 
 

Der Südpol

Der Haans am Südpol: Der geografische Südpol, gekennzeichnet durch eine Gedenktafel, wandert augenscheinlich Jahr für Jahr weiter.

Lesarten Kaum zu glauben, aber wahr: Die Welt hat zwei Südpole. Der zeremonielle Südpol (auf dem Aufmacherfoto) besteht aus einem Flaggenkreis, in dessen Mitte ein Holzpfahl mit einer Aluminiumkugel aufgestellt ist. Der geografische Südpol wird ebenfalls durch einen Holzpfahl - sowie einem Schild, das an die Südpol-Pioniere Amundsen und Scott erinnert (Foto) - gekennzeichnet. Er wird alljährlich am 1.Dezember umgestellt. Denn auf Grund der Plattentektonik "wandert" das Packeis jedes Jahr mehrere Meter.

Icecube Das internationale Projekt aus dem Bereich der Astroteilchenphysik will die Quelle der Neutrinos aus dem Weltall erforschen. Neutrinos sind elektrisch neutrale Teilchen, die bei radioaktivem Zerfall entstehen. Neutrinos bewegen sich auf einer nahezu schnurgeraden Bahn, ohne von Magnetfeldern beeinflusst zu werden.
 
Wenn sie durch die Erde hindurch gehen, verwandeln sie sich in Myonen, die einen Lichtkegel hinter sich her ziehen. Den können Sensoren erfassen. Am Südpol werden 80 Löcher bis zu 2500Meter tief ins Eis geschmolzen und eine Kette von Glaskugeln darin versenkt. Spätestens 2011 soll "Ice Cube" Ergebnisse liefern. Das Projekt kostet etwa 300Millionen US-Dollar. hae
 

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer