Hilga Höfkens ist Dentalpraktikerin für Pferde. Für die Behandlung eines Backenzahns hängt sie schon mal bis zum Ellbogen im Maul ihres Patienten.

Reportage
Vorsorge am Gebiss: Mit einem Dremel mit Diamantblatt schleift Hilga Höfkens vorsichtig die Schneidezähne von Stute Lea ab. Durch unterschiedliche Abnutzung entstehen auch am Pferdezahn Kanten, Stufen und Wellen.

Vorsorge am Gebiss: Mit einem Dremel mit Diamantblatt schleift Hilga Höfkens vorsichtig die Schneidezähne von Stute Lea ab. Durch unterschiedliche Abnutzung entstehen auch am Pferdezahn Kanten, Stufen und Wellen.

Anna Schwartz

Vorsorge am Gebiss: Mit einem Dremel mit Diamantblatt schleift Hilga Höfkens vorsichtig die Schneidezähne von Stute Lea ab. Durch unterschiedliche Abnutzung entstehen auch am Pferdezahn Kanten, Stufen und Wellen.

Mettmann. Das Urteil von Hilga Höfkens ist eindeutig: „Sie hängt hinten ziemlich.“ Zwischen ihren Händen hält sie den Kopf von Traberstute Lea Ann, bewegt sanft Ober- und Unterkiefer des Pferdes übereinander.

„Sie hat Kanten an den Backenzähnen, deshalb lassen sich die Kiefer nicht locker hin- und herbewegen“, sagt die Mettmannerin, während sie die Kiefergelenke der Stute abtastet. Dann schiebt sie ihre Hand ins Pferdemaul, Lea weicht zurück, schlägt mit dem Kopf. „Du kleine Ziege“, sagt Höfkens und lacht.

Wie beim Menschen liegen Ober- und Unterkiefer nicht ganz übereinander

Ein Jahr ist es her, dass Hilga Höfkens ihr Pferd zuletzt untersucht hat. „Eine jährliche Routineuntersuchung ist empfehlenswert, bei jungen und alten Tieren auch öfter“, sagt sie. Wie beim Menschen liegen Ober- und Unterkiefer beim Vierbeiner nicht immer genau übereinander. „Die Zähne nutzen sich so unterschiedlich ab, es entstehen Kanten, Stufen und Wellen. Durch die entsprechend veränderten Kaubewegungen wird das immer schlimmer und schadet Kiefermuskulatur und -gelenken.“ Auch für Nacken und Hals habe das Folgen.

Für Lea steht nun eine Routinebehandlung an. Tierärztin Patricia Zweverink hört die Stute ab, setzt dann die Nadel an und spritzt ein Beruhigungsmittel. „30 Sekunden, dann sollte es wirken“, sagt sie. Schon wenige Momente später lässt das Pferd seine Unterlippe schlaff herunterhängen. Der Kopf sinkt, die Augen sind halb geschlossen, das ganze Tier wankt leicht. „Ob eine Sedierung nötig ist, hängt vom Pferd und von der Art des Eingriffs ab“, sagt Hilga Höfkens.

Es kann losgehen. Höfkens streift Schutzbrille und Stirnlampe über. Mit einem gepolsterten Halfter und einem Strick, der durch eine Öse über Leas Kopf läuft, bringt sie den Kopf des Pferdes in die richtige Position. Nun hält Lea still, als Höfkens ihren Arm fast bis zum Ellbogen zwischen die mächtigen Kiefer schiebt, um die Backenzähne zu untersuchen. „In meiner Ausbildung hat ein Pferd mal zugebissen“, erzählt Höfkens und schmunzelt. „Das war mein Fehler, ich hab’ falsch reingefasst.“

Die Leidenschaft für Pferde packte Hilga Höfkens mit acht Jahren

Ursprünglich war Hilga Höfkens Wirtschafterin in einer Großküche. „Aber ich hab’ schon immer von der Selbstständigkeit geträumt“, sagt sie. Und die Leidenschaft für Pferde hat sie gepackt, als sie acht Jahre alt war. Also ließ sich die 48-Jährige vor acht Jahren zur Pferdedentalpraktikerin ausbilden. „Sogar viele Reiter denken, dass ein normaler Tierarzt auch für die Zähne zuständig ist und wissen nicht, dass das ein eigenständiger Beruf ist“, sagt Höfkens.

Bei Lea beginnt die Mettmannerin mit den Schneidezähnen. Obwohl die gut erreichbar sind, erfordern sie Koordination: Mit einer Hand hält Hilga Höfkens gleichzeitig Oberlippe hoch und Zunge beiseite, mit der anderen hält sie einen Dremel mit Diamantblatt. Vorsichtig schleift sie an den Kanten der großen Zähne entlang, es riecht ein bisschen verbrannt – obwohl der Dremel kreischenden Lärm macht und sich Staubwolken aus Zahnschmelz bilden, steht Lea fast wie ein Standbild. Zwei Millimeter schleift die Dentalpraktikerin ab.

Das Abschleifen der hinteren Backenzähne ist Gefühlssache

Schwieriger wird es bei den Backenzähnen. Sehen kann Höfkens nur die vorderen Exemplare. „Die hinteren muss ich erfühlen, deshalb muss ich in kleinen Schritten arbeiten. Denn was weg ist, ist weg.“

Damit Lea das Maul aufhält, bekommt sie ein Halfter mit martialisch aussehendem Metallgestell aufgezogen, „ein Maulgatter“. Die Stute wird unruhig, schlägt mit den Schneidezähnen auf das Metall. Jetzt muss Höfkens besonders konzentriert und zügig arbeiten: „Diese Haltung übt viel Druck aufs Kiefergelenk aus.“

Mit einer elektrischen Zahnraspel mit verschiedenen Aufsätzen beseitigt sie die Unregelmäßigkeiten, dann ist es geschafft. Lea schnaubt. Höfkens macht den Test: Sie greift wieder seitlich an den Pferdekopf und schiebt die Kiefer übereinander. „Rutscht locker drüber, guter Kontakt ist da.“ Mit diesem Urteil ist die Prozedur für Lea zu Ende.

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